„but sometimes it’s just roses dying too young“

[fiktiv.therapie]

Wenn der Sommer endet, bevor er begonnen hat– Über die Existenz von mehr als einer Realität bescheid zu wissen ist das unerträgliche Schicksal, wenn die Welt zwischen den zwei Polen verläuft. Letzte Nacht lief ich durch ein Feld aus Blüten und Sträuchern, über warmen, benzingetränkten Asphalt im Bodennebel verglühender Kippen. Fassade ist der Weg zum Erfolg geworden. Ich bin ein Schauspieler auf meiner eigenen kleinen Bühne. Das spielerische Wechseln zwischen den gestaffelten Oberflächen des Bühnenbilds– große Gesten, ein Theater für deine Gedanken.

Zufriedenheit ist ein Fixpunkt geworden, ein sorgsam gepflegtes Credo. Allein zu sein inmitten bekannter Gesichter, freundliche Gespenster und– Phantome treiben die Gedanken in die Weite und entwickeln Bilder auf dem Papier aus Blattwerk, sorgsam in die gekräuselten Oberflächen der Waldseen und Straßengräben gemalt. Hier stehe ich, zu groß geworden um die Rolle des Jungen zu spielen – die Rolle meines Lebens – und zu sehr im Netz des Drehbuchs gefangen, um hinter die Fassade abzutauchen.

Da war das Mädchen mit den strohblonden Haaren, weiße Punkte auf blauem Kleid, Strohreste in den zerschlissenen Stickereien, der Atem aus Seewind und die Haut mit Salz und Sand überzogen. Es ist immer wieder die gleiche Rolle. Immer und immer wieder– mein Vertrauter, mein Gegenspieler, meine Utopie. Die perfekte Inszenierung meiner hoffnungslos verbarrikadierten Logik. Ein Sinnbild. — Vielleicht will ich tief in meinem Herzen, dass du diese Rolle spielst…? Doch nur dann, wenn die Vertrautheit groß genug ist– so groß, dass du in das Feld aus Blüten und Sträuchern gehörst. Eine echte Pflanze, die in meiner Utopie nur zertreten würde.

„Gut, dass niemand etwas mit mir zu tun haben will!“, sagte der Junge auf dem Gipfel der Dramaturgie seines inneren Monologs, „denn sollte es doch jemanden geben, sie würde verzweifeln!“

 

>>> AutoExil. mein neuer Roman. bald als eBook erhältlich.

[12]-14 a.k.a. mein Jahr

Jahresrückblick. Facebook bietet das an, ich will aber nicht. Ich habe dieses Jahr für meine Verhältnisse extrem viele Fotos gemacht. Da würde sich das schon anbieten, aber ich will nicht bei Facebook einreihen, was schon gewesen ist. Bei Facebook. Ich würde gerne einen ehrlichen Jahresrückblick schreiben, doch dazu eignet sich das Internet nicht. Nicht, wenn man Berufliches so weit in die Kreise der eigenen Onlineidentität verwebt, dass der Anspruch, den professionellen Kodex einzuhalten, zum „bei Hertie an der Kasse“ meiner Generation wird. Und ja, das war eine „Die Ärzte“-Referenz. Mea culpa.

Stattdessen nutze ich ein Medium als Jahresrückblick, in dem ich aus der Rolle fallen kann. Auch wenn es dieses Jahr kaum zu eigenen Musikaufnahmen gereicht hat, gibt es genug Fremdmaterial (nicht immer aus 2014 übrigens), das die Monate hinreichend repräsentiert. So geht es dann doch.

 

[01] „Ghost Lights“ – Woodkid

Ein Projekt fertigzustellen, Kreativität nicht nur auf Papier oder Festplatte sondern auch auf den Markt zu werfen, ist in dieser Endgültigkeit etwas Neues gewesen. Für mich. Mein erster Roman war (als eBook zu dem Zeitpunkt) veröffentlicht und der zweite Teil in Vorbereitung. Ich hatte Woodkid schon hin und wieder zum Schreiben gehört, doch erst als ich den ersten Band abschloss, packte mich das Album so richtig. „Ghost Lights“ passte dabei perfekt zum Ende des ersten Teils und half mir somit auch, im Projekt zu bleiben. Außerdem passte das Album zu meiner eigenen inneren Umbruchstimmung Anfang des Jahres, die Monate später schließlich Resultate zeigte.

 

[02] „Here With Me“ – Susie Suh, Robot Koch

Über das Lied bin ich in der Schlussszene einer der ersten (vielleicht die erste?) Folgen von „The Blacklist“ gestolpert. Nach Aufbruch kommen Zweifel, richtig? So ist das eben. Und dann sind da Erinnerungen, die einen einholen, wenn man es garantiert nicht braucht. Ich zitiere: „Calling your name in the midnight hour – reaching for you from the endless dream – so many miles between us now – but you are always here with me“. Verpasste Chancen sind ein verdammt guter Arschtritt. Wenn auch schmerzhaft. Metaphorisch gesehen. Der Arsch, nicht der Tritt.

 

[03] „Encre“ – Émilie Simon

(Leider gibt es bei YouTube „Encre“ nur als Live-Ausschnitt. Aber es gibt ja Spotify o.ä.)

März ist für mich mit Leipzig verbunden. Beruflich. Zwangsläufig. Und in diesem Jahr war es der letzte Monat, in dem ich nicht mindestens zwei Wochen unterwegs war. Das wusste ich zu der Zeit zwar noch nicht, aber … ist auch eigentlich egal. Es wurde Frühjahr, in Leipzig, in München … ich erinnere mich an ein paar Cuba Libre, ein weißlackiertes E-Piano in einer Hotellounge und an aus den Augen verlorene Zeit. Und an Emile Simons „Mue“, das eine Befreiung war, wenn man an das schmerzhaft schöne „Franky Knight“ denkt, das den Spätherbst knapp zweieinhalb Jahre vorher geprägt hat. Zu „Encre“ gehören Passanten, die in den Gassen tanzen, dezent schwingende Regenschirme und in den Asphalt gebrannte Blütenblätter. Und Taxifahrerinnen.

 

[04] „Brain“ – Banks

Im April habe ich zum ersten Mal meine Zimmernummer in einem Hotel in Würzburg vergessen. Ich wusste aber meinen Namen noch und war verhältnismäßig nüchtern. Das war später nochmal anders (siehe September). Eine Nacht vorher war ich zum ersten Mal in dem Kölner Hotel, das im Laufe des Jahres zu so etwas wie meinem zweiten Zuhause geworden ist. Temporär. Wiederum eine Nacht davor: Castrop-Rauxel. War besser, als es sich anhört. „Brain“ von Banks habe ich schon ein paar Monate vorher für mich entdeckt, aber im April habe ich es unterwegs viel gehört, daher passt es. Hat ansonsten aber keinen näheren Bezug zu Würzburg. Oder Köln. Oder Castrop-Rauxel. Oder Dortmund. Und erst recht nicht zu Bielefeld. Kann ja nicht alles einen tieferen Sinn haben.

 

[05] „Science/Visions“ – CHVRCHES

1. Mai in Berlin. re:publica. Neben Club Mate und Fritz Whatever kam dieses Jahr die Hausmarke Lakritz-Cola in meine Blutbahn. Das wird schwer zu übertreffen sein. Wenn ich mir die Fotos aus diesem Monat ansehe, dann tauchen da neben diversen Schnappschüssen von Präsentationen und Vortragsnotizen vor allem die Farben Grün und Blau auf. Und alles voller Sonne. Mit Hund, mit Grill, mit Plastikball vom Supermarkt. Das vermittelt das Gefühl von Freiheit im Nachhinein, und so pathetisch das vielleicht klingt, es war exakt das, wonach es aussah, Anfang des Sommers. Achja, und Musik. Hier hätte vielleicht auch ein dregg-Video gepasst. Das „Catch Without Arms“-Konzert in der Berliner Kulturbrauerei habe ich gesehen. Aber das wäre dem Jahr nicht ganz angemessen. Und ich musste irgendwo CHVRCHES unterbringen, die gerade in der ersten Jahreshälfte auf Dauerrotation bei mir liefen.

 

[06] „To Just Grow Away“ – The Tallest Man On Earth

Die Tage, die ich im Juni zuhause verbracht habe, kann ich an einer Hand abzählen. Und das ist keine Übertreibung, wenn ich mich nicht völlig täusche. Dafür habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass „jede Zeit ihre Nazis hat“ (in Berlin) und die Kölner Busfahrer („aber nur die jungen Kerle!“) definitiv dazugehören (in Köln). Außerdem ist der Kölner Dom an sich nicht hässlich, nur die Komposition der Stadt drumherum ist … suboptimal. Aber total optimal ist der Dom, wenn man direkt davor in einen Wolkenbruch gerät und man sich unterstellen kann, während verirrte Seelen um einen herum die Regenschirmbestände der Kaufhäuser der Innenstadt leerkaufen. „The Talles Man On Earth“ war Begleiter auf unzähligen Kilometern im Zug, beim Warten auf das Provinztaxi in Ahlen (muss man nicht kennen), im Sommerregen auf einer Hotelterrasse in Haltern am See (muss man auch nicht unbedingt kennen) und am verregneten Wochenende in Köln-Stammheim (kennt man besser nicht). Und er war auch Soundtrack zu einigen Ipanemas im Münchner Arabellapark. Ich war nur wenige Tage zuhause im Juni, aber die waren konzentriert.

 

[07] „Lineri“ – The Notwist

Der Juli war ein Übergangsmonat. Ich war wieder etwas öfter in München und schaffte es, meinen zweiten Roman zu veröffentlichen. Um mit dem dritten anzufangen brauchte es mehr Anlauf. Der Verschleißeffekt des Projekts stellte sich ein, die Welt, die ich mir gebaut hatte, wurde zu klein. Und ich vermisste die Tiefe. Ich vermisste den Ausdruck des eigenen Selbst. Und ich belebte Projekte wieder, von denen ich glaubte, sie jetzt mit der neuen Erfahrung beendeter Werke abschließen zu können. Doch das Beschissene mit dem eigenen Selbst ist, dass es keinen Abschluss findet. Und wenn doch, dann ist man tot. Und Tote schreiben keine Bücher („Der Autor ist tot!“ zählt hier nicht. Metapher). Also kramte ich tief in der Musik auf der Suche nach neuen Inspirationen und neuer Richtung. Und ich fand. Einen Weg, das Projekt weiterzuentwickeln und den dritten Band in eine neue Richtung zu lenken. Härter. Direkter. Weiter weg von der rosa Traumwelt, zurück in heimatliche Gefilde. Wenn die Zweifel fehlen, ist das Werk scheiße. Das ist eine Faustregel, die vielleicht nur für mich Gültigkeit hat, aber ich kann mich nach dieser richten. Und bei dieser Art von Rückbesinnung – quasi eine Renaissance der eigenen Teenage Angst – stieß ich auch auf das neue Notwist-Album. Und auf „Lineri“, den acht-Minuten-Brocken, der das Album beschließt. Und darauf blieb ich hängen. Für einen Moment.

 

[08] „No Rest For The Wicked“ – Lykke Li

Gegen Ende August rückte beruflich der Wechsel in Reichweite. Eigentlich ein schleichender Prozess, aber es wurde in diesem Monat immer konkreter. Mit dem Gefühl, einen Schritt weiter zu sein, ging ich erstmal in den Urlaub. Eine Woche mit dem Fahrrad die Ems entlang. Von der Mündung bis zur Quelle. Erneut eine Häufung an Fotos. Aber noch mehr an Erinnerungen. Ich verknüpfe Erinnerungen besonders mit Orten. Sie sind meine Brücke in die Vergangenheit. Vielleicht meine Art einer Konstruktion von Heimat. Wurzellosigkeit ist ein Prinzip meines Denkens. Wurzeln zu konstruieren nicht mehr als ein gedanklicher Brückenschlag. Aber ein wichtiger. Immer in Bewegung zu sein ist daher eine Therapie für die eigene Sichtweise und Sichtweite. Vor allem, wenn man in einem doch recht begrenzten Bereich Deutschlands kulturelle Grenzen überschreitet, die so viel näher das Problem von Identität vor Augen führen, als jede Debatte um Flüchtlinge etc. Vom protestantisch-armen Ostfriesland ins katholisch-wohlhabendere (und wenn es nur das stadtarchitektonische Erbe ist) Münsterland zu fahren ist der Gegenentwurf zum globalen Hotelhopping. Aber effektiv. Musik: Lykke Li verbinde ich mit dem vorherigen Album „Wounded Rhymes“ sehr stark mit Svalbard (das war 2011). Aber „No Rest For The Wicked“ war Begleiter während der Tour entlang der Ems.

 

[09] „Crawl“ – Childish Gambino

Der September ist ein Loch zwischen der Rückkehr aus dem Urlaub und dem Ende des Monats. Das Ende des Monats war dafür insofern wichtig, weil in dem Moment für mich endgültig klar war, dass ich mich ab da an dauerhafter mit Köln auseinandersetzen muss. Das habe ich auch getan und die drei Stunden Wartezeit auf meinen Zug Richtung Rheda-Wiedenbrück (wo ich später im letzten Sonnenlicht in einer fast leeren Innenstadt bei einer Waffel mit Vanilleeis saß und die Straße entlang blickte, die ich vier Wochen zuvor mit dem Fahrrad zum Emsufer gefahren bin) im Rheinpark verbracht. Nachdem mir zwei Jugendliche entgegenkamen, die unfassbar schlecht aber auch extrem motiviert zu ihrem undeutlich plärrenden Smartphone „rapten“, hab ich für den Rest des Nachmittags Childish Gambino gehört, während ich durch den Park schlenderte. Viel mehr ist vom September nicht im Gedächtnis geblieben.

 

[10] „Drive“ – Warpaint

Frankfurter Buchmesse. Ich mag ja Frankfurt genau für die Dinge, für die man es auch hassen kann. Lounge-Bars im 22. Stock, die zum Großteil auf einem zweifelhaften Bandensystem aufbauende Skyline, die sonst keine andere deutsche Stadt auf die Reihe kriegt, Messeparties in überfüllten Bars oder der Kameha Suite, generell falsch gehende Uhren (warum auch immer), völlig inkohärente Straßenzüge, was Klientel und Geschäfte angeht … ach halt! Letzteres war ja Offenbach. Aber das gehört irgendwie alles zusammen. Wenn man die Geräusche der Tage in Frankfurt mischt und in eine Ordnung bringt, dann müsste ungefähr Warpaints „Drive“ herauskommen. Irgendwo zwischen Lounge und Keller, Imbiss an der Ecke und 5-Sterne-Catering. Und in jedem Fall immer mindestens 22 Stockwerke hoch in der Luft.

 

[11] „Spring“ – Mia Doi Todd

„Spring“ scheint im ersten Moment vielleicht nicht zum November zu passen, weder zur Jahreszeit noch zur Tatsache, dass ich mich endgültig im neuen Job wiederfand. Und trotzdem brennen sich manchmal einzelne Zeilen ein. „here comes the timechange“. Außerdem hilft es, sich etwas Neuem in Moll zu nähern. Respekt vor dem, was man zurücklässt einerseits, Demut vor den Dingen, die man in der Zukunft erreichen will, andererseits. Das ist Strategie. Berechnend? Vielleicht. Aber ich gehöre zu denen, die alles berechnen müssen. Das ist Zwang, den man zum Vorteil zu verkehren lernen muss.

 

[12] „Tiberius“ – The Smashing Pumpkins

Machen wir es kurz (und pathetisch): Mit „Tiberius“ hat mir Billy Corgan genau die Hymne zum Jahresende geliefert, die den Moment einfing. Eine Widmung an die Leute, die ich getroffen habe, Orte, an denen ich gewesen bin, neue Aufgaben und alte Zweifel.

„i’ve seen the world upon a thousand dreams
your eyes are one that can’t see what it means
but still I love you
like everything
it goes and goes“

 

 

PS: Ja, da war ja was. Ich habe oben erwähnt, dass es einen Vorfall mit einer vergessenen Zimmernummer in einem Hotel gab. Das reiche ich nach. Das wird ein eigener Beitrag. Mit Slapstick. Und Tapas.

Hotel

„Als ich mir früher vorgestellt habe, wie es wohl wäre, ein halbes Leben in Hotels zu verbringen, war es anders. Anders als jetzt.“ Das sagte er und riss einen großen Fetzen Tapete von der Wand.

– „Als ich damit begann, meine Haare rot zu färben, war der Farbton auch ein anderer“, antwortete sie und strich ihr auberginerotes Haar zurück. „Nicht so angepasst … rebellischer.“

„Ich habe mit 19 festgestellt, dass Punkbands nicht der wahre Lebensinhalt für mich sind.“

– „Wie das?“

„Ich habe begonnen, mich für Musik zu interessieren.“

– „Du stellst Musik über Politik?“

„Ich stelle alles über Politik. Wenn man sich ansieht, was Politik geworden ist, dann hilft nur die Flucht in die Kunst.“

– „Politik ist da, um verändert zu werden.“

„Das ist, was die Moralapostel sagen.“

Sie schwiegen und sahen sich an. Wie auf Kommando begannen sie, das lädierte Bettgestell auseinanderzunehmen. Sie griff nach einer Holzlatte und zerschlug damit krachend den Porzellanschirm der hässlichen Nachttischlampe.

„Wir spielen unsere Rollen gut. Fast so, als wäre es echt.“

– „Nichts ist echt. Alles ist Schauspiel. Du. Ich. Das ganze Leben.“

„Warum sagst du das? Es zerstört die Romantik des Augenblicks.“

– „Das tut es vielleicht, aber wer bist du, wenn du selbst in diesem Moment nicht du selbst bist? Bist du echt, wenn du im Anzug in Meetings sitzt? Bist du echt, wenn du soziale Fähigkeiten trainierst und der Welt vorgibst, du würdest fühlen, was sie bewegt?“

„Ja. Natürlich bin ich das.“

– „Und dennoch spielst du.“

„Aber das definiert mich. Was ich vorgebe zu sein, das wird zu mir. Online, offline, überall.“

– „Das legitimiert jede Lüge.“

„Das legitimiert unser Leben.“

– „Und es schließt Verantwortung ein. Damit kann ich leben.“

„Richtig. Richtig? Tut es das?“

– „Wenn wir alles sind, was wir vorgeben zu sein, dann sind wir Wohltäter und Verbrecher zugleich. Wir sind die Fleischverzichter, die Waffenablehner, die Geschlechtsbegleicher, die Dritteweltausbeuter …“

„Warum nicht beim Namen nennen?“

– „Vegetarier, Pazifisten, Feministen, Sklaventreiber?“

„Richtig.“

– „Das hört sich falsch an.“

„Dabei ist es zu 75% das Richtige, das ist mehr als bei den meisten Menschen.“

– „Und dennoch hebelt der Sklaventreiber die anderen drei Eigenschaften aus.“

„Und das ist der Grund, warum Politik mich mal kreuzweise kann! Wir sind eine Gesellschaft von Sklaventreibern. Jeder Kunde von Kik bis H&M, von Designerjeans bis Wasweißich. Jeder Kaffeetrinker – und komm mir nicht mit dem Fair-Trade-Märchen – Tabakkonsument, Autofahrer, Automitfahrer, Mit-Benzin-transportierte-Produkte-Käufer … Wir kommen nicht raus aus dem System. Wir könnten das ‚Sklaventreiber‘ streichen, denn das sind wir alle.“

– „Aber dann wären die 75% plötzlich 100%. Das ist schlecht.“

„Warum?“

– „Weil es genau das ist, was wir jetzt haben: Die eine Hälfte missioniert, weil sie sich bei 100% wähnt, die andere unterstellt Heuchelei, weil niemand bei 100% liegen kann.“

„Also besser 50% und die Fresse halten?“

– „Sollte man meinen.“

„Sag ich ja: Fuck all your politics! Ich bleib bei Kunst.“

– „So wie jetzt?“

„Dekonstruktion.“

– „Detonation.“

Das Hotelzimmer war tot.

 

ISDS//TTIP

Ich spiele mit dem Gedanken, die Bundesrepublik Deutschland auf Schadensersatz zu verklagen. Warum? Das ist schnell erklärt: Ich darf in Deutschland keine harten Drogen nehmen. Dürfte ich das aber, hätte ich die letzten 15 Jahre meines Lebens als kreativ-ungehemmter Künstler verbracht und Werke geschaffen, die vor allem eines eingebracht hätten: Geld! Das mag – zugegeben – etwas vereinfacht sein, aber im Prinzip will ich damit sagen, dass mich ein Gesetz an der hypothetisch erfolgreichen Durchführung eines Geschäftsmodells gehindert hat. Ich rechne also hoch, was ich in den Jahren an Millionen hätte machen können. Und das stell ich dem Staat in Rechnung.

Was sich in dem Szenario so absurd anhört ist aber nicht weit weg von der Logik mit der Unternehmen Staaten für ihre Rechtsgrundlage verklagen. Und dabei Summen einklagen, die ihnen an Umsatz verloren gegangen sind dadurch, dass sie sich an das Gesetz halten mussten. Diese rein hypothetischen Umsätze sind natürlich von den Unternehmen selbst errechnet. Klingt immer noch absurd? Nein? Sollte es aber, weil die Logik ebenso verquer und dreist ist, wie meine (absolut bescheuerte) Idee, mein nie zustande gekommenes Businessmodel „verdrogter Künstler“ einzuklagen. Dass ein großer Energiekonzern die Bundesrepublik verklagt, weil ihm Umsätze dadurch entgehen, dass sich die Deutschen mehrheitlich und demokratisch für die Einstellung der Atomenergie entschieden haben, ist dabei fast noch ein nachvollziehbarer Fall. Da sitzen so ein paar Manager am runden Tisch, sind sauer, dass man ihnen ihr subventioniertes(!) und risikobehaftetes Geschäft abgeschossen hat, und überlegen, wie sie daraus noch irgendwie Profit schlagen können (wenn schon die grandiose Idee, das teure Auslaufmodell in einer staatliche Stiftung abzuschieben eher mal so mittel angenommen wurde). Kackdreist, aber noch irgendwie nachvollziehbar.

Wenn jetzt aber im Zuge von Freihandelsabkommen wie TTIP oder TPP die Schranken weiter fallen, dann können Unternehmen Länder aufgrund ihrer (auf demokratischer Grundlage existierenden) Rechtslage verklagen, weil sie dort hätten Geld machen können, würde es diese Gesetze nicht geben – sofern sie nicht als Standard des Abkommens gerechtfertigt sind. Das bedeutet: Sind irgendwelche Öko-Spinner wie wir Europäer mehrheitlich gegen Giftstoffe in Fleisch oder die Kanadier gegen Fracking, dieser Standard gilt aber nicht für die gesamte Freihandelszone, können Unternehmen klagen. Die Grundlage dafür nennt sich ISDS, und das Beispiel Kanada und Fracking ist bereits passiert. Wesentlich besser und fundierter kann man das z.B. hier nachlesen.

Kommt TTIP inkl. ISDS könnte andererseits ein ganz anderes Geschäftsmodell funktionieren: Geschäftsfelder finden, die in bestimmten Ländern nicht funktionieren und einklagen. Abmahnanwälte 2.0 … z.B. wartet die Welt doch unbedingt darauf, wieder FCKW-Kühlschränke zu kaufen, oder?

Was ich so unfassbar abstoßend an der ganzen Sache finde, ist die völlige Ignoranz gegenüber dem Willen der jeweiligen Bevölkerung. Nehmen wir mal Kanada und Fracking. Völlig unabhängig, ob man das Einpumpen von Giftstoffen in die Erdschichten jetzt für voll okay oder doch eher bedenklich hält, ist es die souveräne Entscheidung eines Staats gewesen, eine solche Methode abzulehnen. Ein Unternehmen kann jetzt aber Schaden“ersatz“ (Ersatz für etwas, das nie existierte … ich bin mir nicht sicher, ob das Begriff hier dann überhaupt anwendbar ist/sein sollte) einklagen, weil es den Willen des Staats und damit der in diesem Staat lebenden Menschen nicht so dufte findet. Natürlich können die Kanadier weiter bei ihrer Meinung bleiben, aber sie müssen für ihre Souveränität halt zahlen. Wahrscheinlich ist das den Unternehmen sogar ganz Recht, sonst müssten sie nachher echte Umsätze erwirtschaften. Ich bin ja kein Freund von polemischer Verschwörungstheoretiker-Rhetorik, aber man kann das durchaus als staatlich subventionierte Serienerpressung betrachten. Allein die Tatsache, dass es die Möglichkeit solcher Klagen gibt, zeigt ein verstörendes Selbstverständnis: da sind Konzerne, denen scheißegal ist, was die Menschen wollen. Die Erde wird als ihr Eigentum betrachtet, das sie so lange ausbeuten können, wie sie es für richtig halten. Und wenn die Menschen was dagegen haben? Na dann müssen sie halt dafür zahlen!

Wenn man Euroskeptikern, Kulturpessimisten, Verschwörungstheoretikern und Antiamerikanisten ernsthaft den Wind aus den Segeln nehmen will, dann sollte man alles dafür tun, dieses Abkommen zu stoppen. Und ich denke da noch nichtmal zu sehr darüber nach, dass ein großer US-Entertainmentkonzern mit seinem europäischen Ableger (also mit sich selbst) darüber streitet diskutiert „verhandelt“, welche Restriktionen man dem Netz bzw. dem internationalen Datenverkehr auferlegen sollte, um unter massiver Einschränkung des Datenschutzes und der Grundrechte der Bürger ihr „intellectual property“ zu schützen.

Aber bevor ich politisch werde … Gute Nacht.

 

.x…sjálfur

„relentlessly craving“

#

Zeit war eigentlich gar nicht richtig zu messen. Nicht in dem Sinne. Daran änderte auch die Anwesenheit einer Uhr nicht viel. Eine gezeichnete Szene altert auch dann, wenn das skizzierte Ziffernblatt immer gleich bleibt. Nur die Perspektive, die bleibt immer gleich. Und so sieht man den schattigen, leeren Raum, das milde Licht, das über die Marsch einfällt und die Aerosole hinter dem Giebelfenster entflammt. Der Staub, der nur Millimeter vor der Netzhaut schwimmt, der uns daran erinnert, dass die Dachzimmer hinter den Augen nichts weiter sind als stille Räume, in die kein anderer jemals einen Blick werfen wird.

In diesen Zimmern ist alles möglich, nur nicht das ausschließen der Perspektive. Und so sieht Kjartan sich selbst am Tisch sitzend. Die Augen aus dem Fenster gerichtet, den Blick nach innen gekehrt. Das leere Blatt Papier vor sich liegend. Die Gedanken wartend in Lauerstellung. Wartend auf den Moment, in dem sich die Tür öffnet. Und dann schreibt er.

Die Tür öffnet sich und lässt sie herein. Kinder, auch wenn sie sich nicht mehr so fühlten. Sie kamen aus dem Meer, liefen den Strand hoch, durch die Dünen und ins Haus. Sie schlichen die Treppen hoch und schlossen die Tür hinter sich. Der Junge ging zum Fenster und öffnete es, das Mädchen griff nach dem Saum ihres geblümten Sommerkleids um sich über die heiße Stirn zu wischen. Sie kam zu ihm ans Fenster und lehnte ihre Stirn gegen seine nackte Schulter.

Als sie wieder aufsah, waren sie älter. Das Fenster war noch immer geöffnet. Sie zeichnete mit dem Finger langsam einen Kreis auf sein Schulterblatt und sah einem Schweißtropfen nach, der entlang seiner Wirbelsäule nach unten rann. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare und trat neben ihn ans Fenster und spürte seine kühle Hand an ihrer Seite. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich körperlich nah waren, aber es war das erste Mal, dass sie miteinander geschlafen hatten.

 

[aus „TorsoTopografie (CORPVS II)“ – zurzeit in Arbeit]

the killer in me is the killer in you

Es ist ein zeitversetztes aber paritätisches Ausklinken. Generationen halten nicht auf, was tief in dir schlummert. Die Umstände sind entscheidend. Brecht hat das behauptet. So, oder so ähnlich. Und die Umstände einer Generation setzen einen Dominoeffekt in Gang. Bei ihm war es der Einschnitt, der Krieg in der Kindheit, der den Lebensweg früh für immer brach. Und er beeinflusste seinen Sohn maßgeblich. Es mag zynisch klingen, aber was eine Bürde für diesen in der Kindheit gewesen sein musste, ermöglichte den aufrechten Gang im späteren Leben. Und ich kenne kaum einen Menschen, der aufrechter geht.

Und hier stehe ich. Kein Krieg als Entschuldigung. Nicht mehr in meiner Generation. Nur ein Vorbild, dem ich soweit es mir gelingen konnte, einigermaßen gerecht werde. Aber der Teufel schlummert und sein Schlaf ist nicht besonders tief. Ich habe es mit Nathanael versucht; ich habe es mit Klara versucht; und alles was ich nicht abschütteln konnte; der Sandmann selbst. Die Wissenschaft hat mich verdorben, der freie Markt geweckt. Ich bin mitten drin im Kampf. Und je weniger die Dämonen der Realität mich fordern, desto mehr muss ich mich beschäftigt halten, um nicht den Kampf gegen den Teufel in mir aufnehmen zu müssen.

Ich bin Teil seiner Welt geworden und bereue es nicht. Es ist eine gute Welt – sofern man von so etwas heute sprechen kann. Und dennoch bleiben mir die Momente in Erinnerung, in der er in meiner aufschlägt. Es ist, als würde ich die Tür zu einem Zimmer öffnen, das sonst niemand sieht, und das Chaos enthüllen, das wuchert und sprudelt und für diesen Moment nach dem kreativen Chaos aussieht, das gerne mit genialer Schöpfungskraft verwechselt wird. Aber Genie und Schöpfung erfordern Struktur und Vermittlung. Ich habe keine Kraft für Struktur und keine Lust zur Vermittlung. Das habe ich in der vernünftigen Welt schon. Das muss reichen.

Tür zu. Alles super. Und an das Cover der „disarm“-Single denken: SMILE!

.x…sjÁlfur

We Are Chasing Poisoned Suns

Kein Blog von mir ohne eine Ankündigung eines neuen Musikprojekts, das ich in Angriff nehme (und das dann nach der Hälfte der Recordings und Stunden an Songwriting doch liegen bleibt, weil … ich ein neues Projekt anfange … gut, dass ich wenigstens beim Schrieben mittlerweile Dinge zu Ende bringe). Begleitend zu Solheim habe ich nicht nur eine mittlerweile ziemlich ausufernde Spotify-Playlist angelegt, die ich während des Schreibens höre, sondern auch Musik geschrieben. Also hau ich hier mal völlig sinnlos die geplante Tracklist zum „Into the Gales“ genannten Projekt raus, damit ich später noch weiß, welche Titel demnächst zum Teil eventuell irgendwo vielleicht einzeln im Netz rumfliegen werden.

01 excavations
02 corona
03 a suicide machine
04 gaia’s wake
05 anthem for #I-1
06 a breath away from phobia
07 ninive
08 cease
09 solvejg
10 the lost reels of manakis
11 jylland
12 ether
13 solheim
14 one with the sea

Und jetzt weiterschreiben. Disziplin, Alter!

 

.x…sjÁlfur

Kartografie

Ich habe vor so ungefähr sechs Jahren angefangen, eine Art autobiografischen Atlas zu schreiben. Würde ich zumindest so nennen, wenn ich eine Produktbeschreibung dafür bräuchte. Ich spiele mit dem Gedanken, das Projekt mal weiterzuführen. Gerade steht bei mir alles (außer der Job) hinter der Arbeit an Solheim 02 zurück. Es wird aber Zeit, dass ich damit fertig werde, denn ich brauche zumindest vorübergehend andere Projekte. Ich habe „AutoExil“, das seit Jahren auf sein Ende wartet. „TorsoTopografie“, das ein unüberschaubrer Wust an Ideen ist, von dem aber immerhin schon ein paar Absätze existieren, und das ich momentan vor mir selbst unter Verschluss halte um dafür nicht alles andere stehen und liegen zu lassen.

Ich habe Musik zu beenden. VIEL Musik, die ich beenden muss. Und dann noch einige andere Projekte, die ich immer schonmal starten wollte. Über das Kartografie-Projekt bin ich erst heute Morgen wieder gestolpert. Und weil ich die Zeit jetzt lieber nutze um an Solheim weiterzuschreiben, hier mal ein ungefilterter Auszug aus dem mehr als ein halbes Jahrzehnt alten Fragment:

51°02’20″N – 7°53’31″O – Blickrichtung: Süd
Heimat sind Bilder, die man sich einrahmt. Losgelöste Bilder, die ihre Anknüpfpunkte tief im Innern der Vergangenheit haben. Ich stand auf dem Rand des hölzernen Sandkastens und sah den Hang hinab in das Tal. Meine Haare waren hellblond damals, unbefleckt von der Zeit. Wenn ich einmal alt sein werde und weißhaarig, ich stelle mich wieder so in den Wind und lasse mich durch das Sonnenlicht blenden, das in meinen eigenen Strähnen reflektiert. Der graue Pullover, selbstgestrickt (von meiner Mutter, nicht von mir…) mit dem gelben Drachen darauf, flatterte leicht im Wind.
Es gab nur einen wirklichen Weg in diesem Ort. „Brötchen-hol-weg“ hieß er. Alle anderen Wege waren Straßen. Schmal und schlecht asphaltiert zwar, aber Straßen. Folgte man dem Weg, kam man zur einzigen Sensation des Dorfes: Einem Möbelhaus auf der anderen Seite des Tals, am Hang der Hügelkette, in deren Wäldern wir Wichtelhütten aufgestellt hatten und Kartoffeln im offenen Feuer rösteten.
Das Möbelhaus war eigentlich ein großes, quadratisches Schaufenster. Wenn wir entlang der Wichtelhütten spazierengegangen waren, kamen wir oft im aufziehenden Regenschauer an diesem Haus vorbei und stellten uns dort unter dem schmalen Vordach unter. Der Blick durch die Scheiben und die Faszination: Da sind ganz viele Zimmer in einem!
Wenn ich heute bei IKEA Kinder durch die einzelnen Schauzimmer laufen sehe, gehe ihnen hinterher durch die einzelnen Einrichtungslandschaften und wünsche mir, nur halb so groß zu sein, damit alles zwischen Billy-Regal und Röstö-Ofen noch gewaltiger aussieht.

 

.x…sjÁlfur

Also sprach Saruman. Ein Blogbeitrag für Alle und Keinen.

Es gibt ja eine ganze Menge, die man von Tolkiens Der Herr der Ringe lernen kann. Vor allem, wie die Welt nicht funktioniert. Das hat Tolkien sehr schön beschrieben und Peter Jackson bei seiner Verfilmung leider überhaupt nicht verstanden, was der Hauptgrund ist, warum ich die Verfilmung so unfassbar Scheiße finde. Aber an der Stelle wollte ich gar nicht beginnen, sondern … Moment … genau, hier: Ich habe zum ersten Mal durch Saruman erfahren, was es mit dem Begriff Opportunismus auf sich hat. Ich habe gelernt: Opportunismus ist böse. Für alle, die nicht so in der Tolkien-Materie drin sind: Saruman war mal genauso gut wie Gandalf – wenn nicht noch toller! – hat sich aber von Sauron (das ist der Putin von Mittelerde … wobei mein Hinweis oben verrät, dass dieser Einwurf nicht ernst gemeint ist … ich sag das nur zur Sicherheit) korrumpieren lassen und seine Macht für das Böse eingesetzt, weil … ja, weil es nunmal gerade stärker war als die Bande, für die er vorher eingetreten ist. Und das Schema ist nicht besonders einzigartig (womit ich Mittelerde jetzt auch erstmal verlassen will). Jemand hat Macht. Dieser Jemand findet es bequemer sich den Weg des geringsten Widerstands zu suchen  und geht den einfachen Weg ohne Rücksicht auf seine Überzeugung oder Ideale. „Fähnchen im Wind“ sagt man, was wiederum postuliert, dass der Opportunist eigentlich gar keinen übergeordnet ideologischen Antrieb hat. Ich – beim ersten Durchlauf vom Herrn der Ringe noch weit weg von alt genug, um das richtig zu durchdenken – habe also verstanden: Opportunist = keine Ideale = mächtig böser Typ! Nur um dann ein paar Jahre später vor dem Schreckgespenst des Opportunismus fliehend fundamental gegen alles zu sein, was nach Kapitalismus, Globalisierung, Konzern etc. riecht. Bloß immer zu den eigenen Idealen stehen (was in dem Alter mit 15 oder 16 auch relativ unreflektiert passiert), ohne Kompromisse. Lieber Gandalf als Saruman. Lieber tot als Ork. Klingt ja auch irgendwie logisch.

Um hier nicht meine Lebensgeschichte zu erzählen: Ich habe meine Haltung irgendwann mal überdacht. Ich will immer noch nicht Saruman sein, aber auch nicht Gandalf. Warum? Weil die Welt nicht davon besser wird, dass man dafür sorgt dass ein Ring in einen Vulkan geworfen wird. Das mag zwar als Teil einer Pro7-Sendung noch ganz zeitvertreibig daherkommen, aber es löst keine Probleme. Gandalf ist der unangepasste Typ, der lieber auf Adlern reitet als den CO2-Ausstoß von KFZ zu verantworten. Das mag zwar irgendwie beeindruckend sein, aber funktioniert auch nur, weil er einerseits so’n Magiezeuch kann, und andererseits bei der Wahl seiner Seite und Mittel nur zwischen Gut und Böse unterscheiden muss. Da fällt die Wahl irgendwie einfach, wenn man den Anspruch hat, sein Karma aufzupolieren. Aber nimmt man dem alten Mann den Stab, die Magie und die überdimensionierten Greifvögel weg, muss er zu profaneren Mitteln greifen, um zu verhindern, dass Saurons Auge unser aller Handys abhört. Und das geht nur, wenn er Teil des Systems wird, das er bekämpfen will.

Wie kriege ich jetzt den Bogen zurück zu Nietzsche? Achso, ich habe übrigens jeden Anspruch aufgegeben, dass mein Beitrag am Ende jemanden zurücklässt, der weiß, worauf ich eigentlich hinaus will. Durch Individualität und Subjektivität wird meine eigentliche Aussage ohnehin verfälscht. Und – BAAAAM! – bin ich wieder bei Zarathustra.

Wenn man mal den letzten Mini-Absatz ignoriert, läuft jetzt doch alles auf eine Feststellung hinaus, die gar nicht so super klingt: Opportunismus ist zwar böse, aber ohne geht es nicht. Deshalb kann man den Satz so auch nicht stehen lassen. Um es aber noch schlimmer zu machen: Wir alle sind Opportunisten. Wir denken und wollen vielleicht das Richtige, kaufen fair gehandelten Kaffee im Eine-Welt-Laden, meiden Strom aus Kohle, liken Online-Petitionen und kaufen nicht bei Amazon, weil die Dumpinglöhne zahlen. Und dennoch leben wir alle in einem Land, auf einem Kontinent, in einer Kultur, die nur deshalb einen solchen Standard hat, den wir alle heute nutzen, weil er sich auf jahrhundertelange Ausbeutung von anderen stützt. Fleisch, Kleidung (fast egal, wo sie gekauft wird), Computer und sonstige Elektronikgeräte und … naja, spätestens mit den Elektronikgeräten habe ich jetzt jeden, der hier liest – sind nur deshalb für uns erschwinglich, weil andernorts für lächerliche Löhne unter für uns nicht vertretbaren Bedingungen dafür gearbeitet wird. Um mal richtig polemisch zu werden: Das Internet – wichtigstes Medium, um gegen diese Missstände zu kämpfen – existiert für viele nur, weil es diese Misstände gibt. Wer also im Internet aktiv ist, der ist insofern Opportunist, weil er das System nutzt um gegen das System vorzugehen.

Die Frage ist: Ist das richtig oder falsch?

Darauf kann es natürlich keine Antwort geben. Oder besser: es gibt darauf unendlich viele gültige Antworten. zumindest so viele, wie es Wertesysteme gibt. Ich persönlich schließe Religion für mich als Wertesystem aus. Ich halte es nicht für falsch, an etwas zu glauben, ich lehne nur die Institutionalisierung ab. Daraus ergibt sich aber das Problem, dass damit prinzipiell jedes Wertesystem fehlt. Es entsteht also eine Art allgemein gültiges Vakuum. Nihilismus vielleicht. Ich vermeide jetzt jeden „Gott ist tot“-Bezug, aber irgendwoher müssen die Maßstäbe kommen, die man für das eigene Handeln ansetzt. Und da in einer derart globalisiert und gleichzeitig ideologisch fragmentierten Welt kein gemeinsamer Nenner zu finden ist und nie zu finden sein wird (was im Übrigen eine Utopie ist, die ich unfassbar abstoßend finde), weil es das Individuum gibt und das Individuum wiederum ein Kulturgut ist, das sich zumindest in unserem Kulturkreis entscheidend manifestiert hat, kann ein Wertesystem nur für den Einzelnen gelten.

So. Hier ist also unser Bausatz: Ich bin Mensch. Ich bin Opportunist. Ich muss mir mein eigenes Wertesystem bauen, das nur für mich gilt und ggf. für diejenigen, die meinem Wertesystem folgen, weil sie kein eigenes schaffen wollen oder nicht dazu in der Lage sind. Wenn ich also trotz allem den Anspruch habe, gut zu sein und das Richtige zu tun (wobei das erstmal nur meine Definition ist [auch die „allgemeinen Menschenrechte“ sind nicht so allgemein, wie sie es gerne wären], dann muss ich für mich entscheiden, wie weit ich Opportunist bin, das System nutze um etwas zu verändern, oder die Teilnahme ablehne. (Auch wenn sich hier die Frage stellt, ob es nicht die größte Verfehlung ist, aus eigener Ideologie einfach nichts zu tun … den Wille, die Dinge zum Besseren zu verändern, würde ich nicht so weit weg vom „Wille zur Macht“ verorten.)

Wirre Theorie? Natürlich, viel mehr werde ich hier auch nicht bieten. Aber um mal konkret zu werden: Warum erachten wir Dinge als gut oder schlecht, moralisch/ethisch richtig oder falsch, selbst wenn wir uns von Religion und ggf. Erziehung verabschieden? Weil wir eine Hemmschwelle haben und gewisse Dinge nicht verantworten können, wenn sie Menschen (oder Tiere/andere Lebewesen) betreffen, die in irgendeiner Verbindung zu uns stehen. Man kann nie gut zu allen sein. Also fokussiert man auf die, die einem greifbar erscheinen. Und das sind Mechanismen, die uns unsere Kultur gelehrt hat. Einige davon akzeptieren wir ein Leben lang, andere sind es wert, geändert zu werden. Und welche das sind, das ist subjektives Ermessen. Egal ob ich den eigenen Willen zur Änderung zeige oder mich jemandem anschließe. (Ich bin erstaunt, dass ich bisher den „Übermensch“ vermieden habe.)

Was folgt daraus? Lieber eine Entscheidung bewusst treffen als viele Entscheidungen als falsch anzuprangern. Motive verstehen anstatt zu Tabuisieren. Hinterfragen anstatt Ideologie zu predigen. Wäre so mein Ansatz. Aber das ist ja alles subjektiv. Dem Individuum sei Dank.

 

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[ Blank Page ]

Ich kann die Beiträge kaum noch zählen, die mit dieser Überschrift als „Entwurf“, „unveröffentlicht“ oder „in Bearbeitung“ (je nach Blog-Plattform) unvollendet, verworfen oder vergessen in der Datenbank liegen. Und lagen. Ich habe – wenn ich richtig zähle – um die sieben oder acht Blogs geführt (nicht alle zeitgleich natürlich), und bei den meisten davon gab es mindestens einen „Blank Page“-Beitrag, der nicht das Licht der Öffentlichkeit gesehen hat (Hacker und Geheimdienste zählen nicht).

Warum ist das so? Was ist so schwierig an dieser Überschrift?

„Blank Page“ ist mein Codewort für etwas, über das ich oft schreibe, das aber fast immer unveröffentlicht bleibt. Dabei ist es wohl meine größte Triebfeder in allem, was ich tue. Musik, Schreiben, Arbeit, Moral, Strategie, Kontakt zu anderen Menschen. Dahinter steht eine Diagnose, die ich nicht teile. Die tiefer geht als die latente bipolare Vorbelastung, die der Herzschlag meiner Kreativität ist. Tiefer als die physischen Schranken meiner Jugend und die wenig außergewöhnliche exzessive Teenage-Angst-Phase, die in den 90ern aber auch ziemlich en vogue war.

Es ist gefährlich über diese Dinge zu schreiben, wenn man nicht anonym unterwegs ist. Dabei ist es ebenso sehr ein Spiel mit dem Feuer, eine Online-Präsenz zu analysieren. Ich bin nicht mein virtuelles Ich. Das ist eigentlich niemand. Glaub ich. Aber ich springe im Thema …

Der letzte Versuch mich der „blank page“ zu nähern, war ein langer Blogbeitrag, der so tief ins Detail ging, dass man es als therapeutisches Schreiben betrachten kann. Er existierte zu keiner Zeit in irgendeiner Online-Maske sondern nur im lokalen Texteditor. Ich hätte allein daran sehen müssen, dass eine Veröffentlichung nie infrage gekommen wäre. Habe ich aber nicht. Ich habe es verdrängt. Vielleicht weil mein Unterbewusstsein darauf hofft, dass es irgendwann an die Oberfläche kommt. Das Thema.

Das Problem ist nur: Die einzige Grundlage, warum ich ein eher durchschnittlicher, normaler Mensch bin, ist, dass ich genau diese Dinge nirgendwo öffentlich mache. Würde ich es offen schreiben, es wäre meine Ausrede für … ungefähr alles. Also halte ich es zurück und führe ein weitgehend vernünftiges Leben.

Es fällt so viel schwerer Pandoras Schatulle nicht zu öffnen, wenn man weiß, was drin steckt. Oder andersherum: Wenn man weiß, dass die Katze noch lebt, würde man die Kiste dann geschlossen lassen?

Eben.

„blank page was all the rage | never meant to say anything“ – billy corgan

 

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