„but sometimes it’s just roses dying too young“

[fiktiv.therapie]

Wenn der Sommer endet, bevor er begonnen hat– Über die Existenz von mehr als einer Realität bescheid zu wissen ist das unerträgliche Schicksal, wenn die Welt zwischen den zwei Polen verläuft. Letzte Nacht lief ich durch ein Feld aus Blüten und Sträuchern, über warmen, benzingetränkten Asphalt im Bodennebel verglühender Kippen. Fassade ist der Weg zum Erfolg geworden. Ich bin ein Schauspieler auf meiner eigenen kleinen Bühne. Das spielerische Wechseln zwischen den gestaffelten Oberflächen des Bühnenbilds– große Gesten, ein Theater für deine Gedanken.

Zufriedenheit ist ein Fixpunkt geworden, ein sorgsam gepflegtes Credo. Allein zu sein inmitten bekannter Gesichter, freundliche Gespenster und– Phantome treiben die Gedanken in die Weite und entwickeln Bilder auf dem Papier aus Blattwerk, sorgsam in die gekräuselten Oberflächen der Waldseen und Straßengräben gemalt. Hier stehe ich, zu groß geworden um die Rolle des Jungen zu spielen – die Rolle meines Lebens – und zu sehr im Netz des Drehbuchs gefangen, um hinter die Fassade abzutauchen.

Da war das Mädchen mit den strohblonden Haaren, weiße Punkte auf blauem Kleid, Strohreste in den zerschlissenen Stickereien, der Atem aus Seewind und die Haut mit Salz und Sand überzogen. Es ist immer wieder die gleiche Rolle. Immer und immer wieder– mein Vertrauter, mein Gegenspieler, meine Utopie. Die perfekte Inszenierung meiner hoffnungslos verbarrikadierten Logik. Ein Sinnbild. — Vielleicht will ich tief in meinem Herzen, dass du diese Rolle spielst…? Doch nur dann, wenn die Vertrautheit groß genug ist– so groß, dass du in das Feld aus Blüten und Sträuchern gehörst. Eine echte Pflanze, die in meiner Utopie nur zertreten würde.

„Gut, dass niemand etwas mit mir zu tun haben will!“, sagte der Junge auf dem Gipfel der Dramaturgie seines inneren Monologs, „denn sollte es doch jemanden geben, sie würde verzweifeln!“

 

>>> AutoExil. mein neuer Roman. bald als eBook erhältlich.

[12]-14 a.k.a. mein Jahr

Jahresrückblick. Facebook bietet das an, ich will aber nicht. Ich habe dieses Jahr für meine Verhältnisse extrem viele Fotos gemacht. Da würde sich das schon anbieten, aber ich will nicht bei Facebook einreihen, was schon gewesen ist. Bei Facebook. Ich würde gerne einen ehrlichen Jahresrückblick schreiben, doch dazu eignet sich das Internet nicht. Nicht, wenn man Berufliches so weit in die Kreise der eigenen Onlineidentität verwebt, dass der Anspruch, den professionellen Kodex einzuhalten, zum „bei Hertie an der Kasse“ meiner Generation wird. Und ja, das war eine „Die Ärzte“-Referenz. Mea culpa.

Stattdessen nutze ich ein Medium als Jahresrückblick, in dem ich aus der Rolle fallen kann. Auch wenn es dieses Jahr kaum zu eigenen Musikaufnahmen gereicht hat, gibt es genug Fremdmaterial (nicht immer aus 2014 übrigens), das die Monate hinreichend repräsentiert. So geht es dann doch.

 

[01] „Ghost Lights“ – Woodkid

Ein Projekt fertigzustellen, Kreativität nicht nur auf Papier oder Festplatte sondern auch auf den Markt zu werfen, ist in dieser Endgültigkeit etwas Neues gewesen. Für mich. Mein erster Roman war (als eBook zu dem Zeitpunkt) veröffentlicht und der zweite Teil in Vorbereitung. Ich hatte Woodkid schon hin und wieder zum Schreiben gehört, doch erst als ich den ersten Band abschloss, packte mich das Album so richtig. „Ghost Lights“ passte dabei perfekt zum Ende des ersten Teils und half mir somit auch, im Projekt zu bleiben. Außerdem passte das Album zu meiner eigenen inneren Umbruchstimmung Anfang des Jahres, die Monate später schließlich Resultate zeigte.

 

[02] „Here With Me“ – Susie Suh, Robot Koch

Über das Lied bin ich in der Schlussszene einer der ersten (vielleicht die erste?) Folgen von „The Blacklist“ gestolpert. Nach Aufbruch kommen Zweifel, richtig? So ist das eben. Und dann sind da Erinnerungen, die einen einholen, wenn man es garantiert nicht braucht. Ich zitiere: „Calling your name in the midnight hour – reaching for you from the endless dream – so many miles between us now – but you are always here with me“. Verpasste Chancen sind ein verdammt guter Arschtritt. Wenn auch schmerzhaft. Metaphorisch gesehen. Der Arsch, nicht der Tritt.

 

[03] „Encre“ – Émilie Simon

(Leider gibt es bei YouTube „Encre“ nur als Live-Ausschnitt. Aber es gibt ja Spotify o.ä.)

März ist für mich mit Leipzig verbunden. Beruflich. Zwangsläufig. Und in diesem Jahr war es der letzte Monat, in dem ich nicht mindestens zwei Wochen unterwegs war. Das wusste ich zu der Zeit zwar noch nicht, aber … ist auch eigentlich egal. Es wurde Frühjahr, in Leipzig, in München … ich erinnere mich an ein paar Cuba Libre, ein weißlackiertes E-Piano in einer Hotellounge und an aus den Augen verlorene Zeit. Und an Emile Simons „Mue“, das eine Befreiung war, wenn man an das schmerzhaft schöne „Franky Knight“ denkt, das den Spätherbst knapp zweieinhalb Jahre vorher geprägt hat. Zu „Encre“ gehören Passanten, die in den Gassen tanzen, dezent schwingende Regenschirme und in den Asphalt gebrannte Blütenblätter. Und Taxifahrerinnen.

 

[04] „Brain“ – Banks

Im April habe ich zum ersten Mal meine Zimmernummer in einem Hotel in Würzburg vergessen. Ich wusste aber meinen Namen noch und war verhältnismäßig nüchtern. Das war später nochmal anders (siehe September). Eine Nacht vorher war ich zum ersten Mal in dem Kölner Hotel, das im Laufe des Jahres zu so etwas wie meinem zweiten Zuhause geworden ist. Temporär. Wiederum eine Nacht davor: Castrop-Rauxel. War besser, als es sich anhört. „Brain“ von Banks habe ich schon ein paar Monate vorher für mich entdeckt, aber im April habe ich es unterwegs viel gehört, daher passt es. Hat ansonsten aber keinen näheren Bezug zu Würzburg. Oder Köln. Oder Castrop-Rauxel. Oder Dortmund. Und erst recht nicht zu Bielefeld. Kann ja nicht alles einen tieferen Sinn haben.

 

[05] „Science/Visions“ – CHVRCHES

1. Mai in Berlin. re:publica. Neben Club Mate und Fritz Whatever kam dieses Jahr die Hausmarke Lakritz-Cola in meine Blutbahn. Das wird schwer zu übertreffen sein. Wenn ich mir die Fotos aus diesem Monat ansehe, dann tauchen da neben diversen Schnappschüssen von Präsentationen und Vortragsnotizen vor allem die Farben Grün und Blau auf. Und alles voller Sonne. Mit Hund, mit Grill, mit Plastikball vom Supermarkt. Das vermittelt das Gefühl von Freiheit im Nachhinein, und so pathetisch das vielleicht klingt, es war exakt das, wonach es aussah, Anfang des Sommers. Achja, und Musik. Hier hätte vielleicht auch ein dregg-Video gepasst. Das „Catch Without Arms“-Konzert in der Berliner Kulturbrauerei habe ich gesehen. Aber das wäre dem Jahr nicht ganz angemessen. Und ich musste irgendwo CHVRCHES unterbringen, die gerade in der ersten Jahreshälfte auf Dauerrotation bei mir liefen.

 

[06] „To Just Grow Away“ – The Tallest Man On Earth

Die Tage, die ich im Juni zuhause verbracht habe, kann ich an einer Hand abzählen. Und das ist keine Übertreibung, wenn ich mich nicht völlig täusche. Dafür habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass „jede Zeit ihre Nazis hat“ (in Berlin) und die Kölner Busfahrer („aber nur die jungen Kerle!“) definitiv dazugehören (in Köln). Außerdem ist der Kölner Dom an sich nicht hässlich, nur die Komposition der Stadt drumherum ist … suboptimal. Aber total optimal ist der Dom, wenn man direkt davor in einen Wolkenbruch gerät und man sich unterstellen kann, während verirrte Seelen um einen herum die Regenschirmbestände der Kaufhäuser der Innenstadt leerkaufen. „The Talles Man On Earth“ war Begleiter auf unzähligen Kilometern im Zug, beim Warten auf das Provinztaxi in Ahlen (muss man nicht kennen), im Sommerregen auf einer Hotelterrasse in Haltern am See (muss man auch nicht unbedingt kennen) und am verregneten Wochenende in Köln-Stammheim (kennt man besser nicht). Und er war auch Soundtrack zu einigen Ipanemas im Münchner Arabellapark. Ich war nur wenige Tage zuhause im Juni, aber die waren konzentriert.

 

[07] „Lineri“ – The Notwist

Der Juli war ein Übergangsmonat. Ich war wieder etwas öfter in München und schaffte es, meinen zweiten Roman zu veröffentlichen. Um mit dem dritten anzufangen brauchte es mehr Anlauf. Der Verschleißeffekt des Projekts stellte sich ein, die Welt, die ich mir gebaut hatte, wurde zu klein. Und ich vermisste die Tiefe. Ich vermisste den Ausdruck des eigenen Selbst. Und ich belebte Projekte wieder, von denen ich glaubte, sie jetzt mit der neuen Erfahrung beendeter Werke abschließen zu können. Doch das Beschissene mit dem eigenen Selbst ist, dass es keinen Abschluss findet. Und wenn doch, dann ist man tot. Und Tote schreiben keine Bücher („Der Autor ist tot!“ zählt hier nicht. Metapher). Also kramte ich tief in der Musik auf der Suche nach neuen Inspirationen und neuer Richtung. Und ich fand. Einen Weg, das Projekt weiterzuentwickeln und den dritten Band in eine neue Richtung zu lenken. Härter. Direkter. Weiter weg von der rosa Traumwelt, zurück in heimatliche Gefilde. Wenn die Zweifel fehlen, ist das Werk scheiße. Das ist eine Faustregel, die vielleicht nur für mich Gültigkeit hat, aber ich kann mich nach dieser richten. Und bei dieser Art von Rückbesinnung – quasi eine Renaissance der eigenen Teenage Angst – stieß ich auch auf das neue Notwist-Album. Und auf „Lineri“, den acht-Minuten-Brocken, der das Album beschließt. Und darauf blieb ich hängen. Für einen Moment.

 

[08] „No Rest For The Wicked“ – Lykke Li

Gegen Ende August rückte beruflich der Wechsel in Reichweite. Eigentlich ein schleichender Prozess, aber es wurde in diesem Monat immer konkreter. Mit dem Gefühl, einen Schritt weiter zu sein, ging ich erstmal in den Urlaub. Eine Woche mit dem Fahrrad die Ems entlang. Von der Mündung bis zur Quelle. Erneut eine Häufung an Fotos. Aber noch mehr an Erinnerungen. Ich verknüpfe Erinnerungen besonders mit Orten. Sie sind meine Brücke in die Vergangenheit. Vielleicht meine Art einer Konstruktion von Heimat. Wurzellosigkeit ist ein Prinzip meines Denkens. Wurzeln zu konstruieren nicht mehr als ein gedanklicher Brückenschlag. Aber ein wichtiger. Immer in Bewegung zu sein ist daher eine Therapie für die eigene Sichtweise und Sichtweite. Vor allem, wenn man in einem doch recht begrenzten Bereich Deutschlands kulturelle Grenzen überschreitet, die so viel näher das Problem von Identität vor Augen führen, als jede Debatte um Flüchtlinge etc. Vom protestantisch-armen Ostfriesland ins katholisch-wohlhabendere (und wenn es nur das stadtarchitektonische Erbe ist) Münsterland zu fahren ist der Gegenentwurf zum globalen Hotelhopping. Aber effektiv. Musik: Lykke Li verbinde ich mit dem vorherigen Album „Wounded Rhymes“ sehr stark mit Svalbard (das war 2011). Aber „No Rest For The Wicked“ war Begleiter während der Tour entlang der Ems.

 

[09] „Crawl“ – Childish Gambino

Der September ist ein Loch zwischen der Rückkehr aus dem Urlaub und dem Ende des Monats. Das Ende des Monats war dafür insofern wichtig, weil in dem Moment für mich endgültig klar war, dass ich mich ab da an dauerhafter mit Köln auseinandersetzen muss. Das habe ich auch getan und die drei Stunden Wartezeit auf meinen Zug Richtung Rheda-Wiedenbrück (wo ich später im letzten Sonnenlicht in einer fast leeren Innenstadt bei einer Waffel mit Vanilleeis saß und die Straße entlang blickte, die ich vier Wochen zuvor mit dem Fahrrad zum Emsufer gefahren bin) im Rheinpark verbracht. Nachdem mir zwei Jugendliche entgegenkamen, die unfassbar schlecht aber auch extrem motiviert zu ihrem undeutlich plärrenden Smartphone „rapten“, hab ich für den Rest des Nachmittags Childish Gambino gehört, während ich durch den Park schlenderte. Viel mehr ist vom September nicht im Gedächtnis geblieben.

 

[10] „Drive“ – Warpaint

Frankfurter Buchmesse. Ich mag ja Frankfurt genau für die Dinge, für die man es auch hassen kann. Lounge-Bars im 22. Stock, die zum Großteil auf einem zweifelhaften Bandensystem aufbauende Skyline, die sonst keine andere deutsche Stadt auf die Reihe kriegt, Messeparties in überfüllten Bars oder der Kameha Suite, generell falsch gehende Uhren (warum auch immer), völlig inkohärente Straßenzüge, was Klientel und Geschäfte angeht … ach halt! Letzteres war ja Offenbach. Aber das gehört irgendwie alles zusammen. Wenn man die Geräusche der Tage in Frankfurt mischt und in eine Ordnung bringt, dann müsste ungefähr Warpaints „Drive“ herauskommen. Irgendwo zwischen Lounge und Keller, Imbiss an der Ecke und 5-Sterne-Catering. Und in jedem Fall immer mindestens 22 Stockwerke hoch in der Luft.

 

[11] „Spring“ – Mia Doi Todd

„Spring“ scheint im ersten Moment vielleicht nicht zum November zu passen, weder zur Jahreszeit noch zur Tatsache, dass ich mich endgültig im neuen Job wiederfand. Und trotzdem brennen sich manchmal einzelne Zeilen ein. „here comes the timechange“. Außerdem hilft es, sich etwas Neuem in Moll zu nähern. Respekt vor dem, was man zurücklässt einerseits, Demut vor den Dingen, die man in der Zukunft erreichen will, andererseits. Das ist Strategie. Berechnend? Vielleicht. Aber ich gehöre zu denen, die alles berechnen müssen. Das ist Zwang, den man zum Vorteil zu verkehren lernen muss.

 

[12] „Tiberius“ – The Smashing Pumpkins

Machen wir es kurz (und pathetisch): Mit „Tiberius“ hat mir Billy Corgan genau die Hymne zum Jahresende geliefert, die den Moment einfing. Eine Widmung an die Leute, die ich getroffen habe, Orte, an denen ich gewesen bin, neue Aufgaben und alte Zweifel.

„i’ve seen the world upon a thousand dreams
your eyes are one that can’t see what it means
but still I love you
like everything
it goes and goes“

 

 

PS: Ja, da war ja was. Ich habe oben erwähnt, dass es einen Vorfall mit einer vergessenen Zimmernummer in einem Hotel gab. Das reiche ich nach. Das wird ein eigener Beitrag. Mit Slapstick. Und Tapas.

the killer in me is the killer in you

Es ist ein zeitversetztes aber paritätisches Ausklinken. Generationen halten nicht auf, was tief in dir schlummert. Die Umstände sind entscheidend. Brecht hat das behauptet. So, oder so ähnlich. Und die Umstände einer Generation setzen einen Dominoeffekt in Gang. Bei ihm war es der Einschnitt, der Krieg in der Kindheit, der den Lebensweg früh für immer brach. Und er beeinflusste seinen Sohn maßgeblich. Es mag zynisch klingen, aber was eine Bürde für diesen in der Kindheit gewesen sein musste, ermöglichte den aufrechten Gang im späteren Leben. Und ich kenne kaum einen Menschen, der aufrechter geht.

Und hier stehe ich. Kein Krieg als Entschuldigung. Nicht mehr in meiner Generation. Nur ein Vorbild, dem ich soweit es mir gelingen konnte, einigermaßen gerecht werde. Aber der Teufel schlummert und sein Schlaf ist nicht besonders tief. Ich habe es mit Nathanael versucht; ich habe es mit Klara versucht; und alles was ich nicht abschütteln konnte; der Sandmann selbst. Die Wissenschaft hat mich verdorben, der freie Markt geweckt. Ich bin mitten drin im Kampf. Und je weniger die Dämonen der Realität mich fordern, desto mehr muss ich mich beschäftigt halten, um nicht den Kampf gegen den Teufel in mir aufnehmen zu müssen.

Ich bin Teil seiner Welt geworden und bereue es nicht. Es ist eine gute Welt – sofern man von so etwas heute sprechen kann. Und dennoch bleiben mir die Momente in Erinnerung, in der er in meiner aufschlägt. Es ist, als würde ich die Tür zu einem Zimmer öffnen, das sonst niemand sieht, und das Chaos enthüllen, das wuchert und sprudelt und für diesen Moment nach dem kreativen Chaos aussieht, das gerne mit genialer Schöpfungskraft verwechselt wird. Aber Genie und Schöpfung erfordern Struktur und Vermittlung. Ich habe keine Kraft für Struktur und keine Lust zur Vermittlung. Das habe ich in der vernünftigen Welt schon. Das muss reichen.

Tür zu. Alles super. Und an das Cover der „disarm“-Single denken: SMILE!

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Kartografie

Ich habe vor so ungefähr sechs Jahren angefangen, eine Art autobiografischen Atlas zu schreiben. Würde ich zumindest so nennen, wenn ich eine Produktbeschreibung dafür bräuchte. Ich spiele mit dem Gedanken, das Projekt mal weiterzuführen. Gerade steht bei mir alles (außer der Job) hinter der Arbeit an Solheim 02 zurück. Es wird aber Zeit, dass ich damit fertig werde, denn ich brauche zumindest vorübergehend andere Projekte. Ich habe „AutoExil“, das seit Jahren auf sein Ende wartet. „TorsoTopografie“, das ein unüberschaubrer Wust an Ideen ist, von dem aber immerhin schon ein paar Absätze existieren, und das ich momentan vor mir selbst unter Verschluss halte um dafür nicht alles andere stehen und liegen zu lassen.

Ich habe Musik zu beenden. VIEL Musik, die ich beenden muss. Und dann noch einige andere Projekte, die ich immer schonmal starten wollte. Über das Kartografie-Projekt bin ich erst heute Morgen wieder gestolpert. Und weil ich die Zeit jetzt lieber nutze um an Solheim weiterzuschreiben, hier mal ein ungefilterter Auszug aus dem mehr als ein halbes Jahrzehnt alten Fragment:

51°02’20″N – 7°53’31″O – Blickrichtung: Süd
Heimat sind Bilder, die man sich einrahmt. Losgelöste Bilder, die ihre Anknüpfpunkte tief im Innern der Vergangenheit haben. Ich stand auf dem Rand des hölzernen Sandkastens und sah den Hang hinab in das Tal. Meine Haare waren hellblond damals, unbefleckt von der Zeit. Wenn ich einmal alt sein werde und weißhaarig, ich stelle mich wieder so in den Wind und lasse mich durch das Sonnenlicht blenden, das in meinen eigenen Strähnen reflektiert. Der graue Pullover, selbstgestrickt (von meiner Mutter, nicht von mir…) mit dem gelben Drachen darauf, flatterte leicht im Wind.
Es gab nur einen wirklichen Weg in diesem Ort. „Brötchen-hol-weg“ hieß er. Alle anderen Wege waren Straßen. Schmal und schlecht asphaltiert zwar, aber Straßen. Folgte man dem Weg, kam man zur einzigen Sensation des Dorfes: Einem Möbelhaus auf der anderen Seite des Tals, am Hang der Hügelkette, in deren Wäldern wir Wichtelhütten aufgestellt hatten und Kartoffeln im offenen Feuer rösteten.
Das Möbelhaus war eigentlich ein großes, quadratisches Schaufenster. Wenn wir entlang der Wichtelhütten spazierengegangen waren, kamen wir oft im aufziehenden Regenschauer an diesem Haus vorbei und stellten uns dort unter dem schmalen Vordach unter. Der Blick durch die Scheiben und die Faszination: Da sind ganz viele Zimmer in einem!
Wenn ich heute bei IKEA Kinder durch die einzelnen Schauzimmer laufen sehe, gehe ihnen hinterher durch die einzelnen Einrichtungslandschaften und wünsche mir, nur halb so groß zu sein, damit alles zwischen Billy-Regal und Röstö-Ofen noch gewaltiger aussieht.

 

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[ Blank Page ]

Ich kann die Beiträge kaum noch zählen, die mit dieser Überschrift als „Entwurf“, „unveröffentlicht“ oder „in Bearbeitung“ (je nach Blog-Plattform) unvollendet, verworfen oder vergessen in der Datenbank liegen. Und lagen. Ich habe – wenn ich richtig zähle – um die sieben oder acht Blogs geführt (nicht alle zeitgleich natürlich), und bei den meisten davon gab es mindestens einen „Blank Page“-Beitrag, der nicht das Licht der Öffentlichkeit gesehen hat (Hacker und Geheimdienste zählen nicht).

Warum ist das so? Was ist so schwierig an dieser Überschrift?

„Blank Page“ ist mein Codewort für etwas, über das ich oft schreibe, das aber fast immer unveröffentlicht bleibt. Dabei ist es wohl meine größte Triebfeder in allem, was ich tue. Musik, Schreiben, Arbeit, Moral, Strategie, Kontakt zu anderen Menschen. Dahinter steht eine Diagnose, die ich nicht teile. Die tiefer geht als die latente bipolare Vorbelastung, die der Herzschlag meiner Kreativität ist. Tiefer als die physischen Schranken meiner Jugend und die wenig außergewöhnliche exzessive Teenage-Angst-Phase, die in den 90ern aber auch ziemlich en vogue war.

Es ist gefährlich über diese Dinge zu schreiben, wenn man nicht anonym unterwegs ist. Dabei ist es ebenso sehr ein Spiel mit dem Feuer, eine Online-Präsenz zu analysieren. Ich bin nicht mein virtuelles Ich. Das ist eigentlich niemand. Glaub ich. Aber ich springe im Thema …

Der letzte Versuch mich der „blank page“ zu nähern, war ein langer Blogbeitrag, der so tief ins Detail ging, dass man es als therapeutisches Schreiben betrachten kann. Er existierte zu keiner Zeit in irgendeiner Online-Maske sondern nur im lokalen Texteditor. Ich hätte allein daran sehen müssen, dass eine Veröffentlichung nie infrage gekommen wäre. Habe ich aber nicht. Ich habe es verdrängt. Vielleicht weil mein Unterbewusstsein darauf hofft, dass es irgendwann an die Oberfläche kommt. Das Thema.

Das Problem ist nur: Die einzige Grundlage, warum ich ein eher durchschnittlicher, normaler Mensch bin, ist, dass ich genau diese Dinge nirgendwo öffentlich mache. Würde ich es offen schreiben, es wäre meine Ausrede für … ungefähr alles. Also halte ich es zurück und führe ein weitgehend vernünftiges Leben.

Es fällt so viel schwerer Pandoras Schatulle nicht zu öffnen, wenn man weiß, was drin steckt. Oder andersherum: Wenn man weiß, dass die Katze noch lebt, würde man die Kiste dann geschlossen lassen?

Eben.

„blank page was all the rage | never meant to say anything“ – billy corgan

 

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Standortbestimmung

Während ich mein neues Blog aufsetze (das hier) werfe ich einen Blick auf meine alten Blogs. Es scheint mir so, als hätte ich damals jeden Tag zu mindestens drölf Themen etwas interessantes relevantes akzeptables zu sagen gehabt. Zumindest ist mir immer etwas eingefallen, über das ich schreiben konnte. Heute nicht mehr. Warum ist das so? Habe ich nichts mehr zu sagen? Habe ich die Hoffnung aufgegeben mir in der Welt Gehör zu verschaffen? Damals blieben auch viele Beiträge unbeachtet, hat mich aber nicht gestört. Ist es Facebook, das uns kaputt macht? Was nicht in vier Zeilen bei Facebook auftaucht und mindestens zwei bis zwölf Daumen nach oben bekommt ist ein Waise unter den Postings im Internet.

Also eröffne ich jetzt hier mein Waisenhaus für interessante relevante existente Gedanken. Im Internet zählt doch ohnehin nur die Frequenz, oder?

Achso … ich werde übrigens meine alte Blogunterschrift wieder nutzen. Also:

 

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