Kartografie

Ich habe vor so ungefähr sechs Jahren angefangen, eine Art autobiografischen Atlas zu schreiben. Würde ich zumindest so nennen, wenn ich eine Produktbeschreibung dafür bräuchte. Ich spiele mit dem Gedanken, das Projekt mal weiterzuführen. Gerade steht bei mir alles (außer der Job) hinter der Arbeit an Solheim 02 zurück. Es wird aber Zeit, dass ich damit fertig werde, denn ich brauche zumindest vorübergehend andere Projekte. Ich habe „AutoExil“, das seit Jahren auf sein Ende wartet. „TorsoTopografie“, das ein unüberschaubrer Wust an Ideen ist, von dem aber immerhin schon ein paar Absätze existieren, und das ich momentan vor mir selbst unter Verschluss halte um dafür nicht alles andere stehen und liegen zu lassen.

Ich habe Musik zu beenden. VIEL Musik, die ich beenden muss. Und dann noch einige andere Projekte, die ich immer schonmal starten wollte. Über das Kartografie-Projekt bin ich erst heute Morgen wieder gestolpert. Und weil ich die Zeit jetzt lieber nutze um an Solheim weiterzuschreiben, hier mal ein ungefilterter Auszug aus dem mehr als ein halbes Jahrzehnt alten Fragment:

51°02’20″N – 7°53’31″O – Blickrichtung: Süd
Heimat sind Bilder, die man sich einrahmt. Losgelöste Bilder, die ihre Anknüpfpunkte tief im Innern der Vergangenheit haben. Ich stand auf dem Rand des hölzernen Sandkastens und sah den Hang hinab in das Tal. Meine Haare waren hellblond damals, unbefleckt von der Zeit. Wenn ich einmal alt sein werde und weißhaarig, ich stelle mich wieder so in den Wind und lasse mich durch das Sonnenlicht blenden, das in meinen eigenen Strähnen reflektiert. Der graue Pullover, selbstgestrickt (von meiner Mutter, nicht von mir…) mit dem gelben Drachen darauf, flatterte leicht im Wind.
Es gab nur einen wirklichen Weg in diesem Ort. „Brötchen-hol-weg“ hieß er. Alle anderen Wege waren Straßen. Schmal und schlecht asphaltiert zwar, aber Straßen. Folgte man dem Weg, kam man zur einzigen Sensation des Dorfes: Einem Möbelhaus auf der anderen Seite des Tals, am Hang der Hügelkette, in deren Wäldern wir Wichtelhütten aufgestellt hatten und Kartoffeln im offenen Feuer rösteten.
Das Möbelhaus war eigentlich ein großes, quadratisches Schaufenster. Wenn wir entlang der Wichtelhütten spazierengegangen waren, kamen wir oft im aufziehenden Regenschauer an diesem Haus vorbei und stellten uns dort unter dem schmalen Vordach unter. Der Blick durch die Scheiben und die Faszination: Da sind ganz viele Zimmer in einem!
Wenn ich heute bei IKEA Kinder durch die einzelnen Schauzimmer laufen sehe, gehe ihnen hinterher durch die einzelnen Einrichtungslandschaften und wünsche mir, nur halb so groß zu sein, damit alles zwischen Billy-Regal und Röstö-Ofen noch gewaltiger aussieht.

 

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