„relentlessly craving“

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Zeit war eigentlich gar nicht richtig zu messen. Nicht in dem Sinne. Daran änderte auch die Anwesenheit einer Uhr nicht viel. Eine gezeichnete Szene altert auch dann, wenn das skizzierte Ziffernblatt immer gleich bleibt. Nur die Perspektive, die bleibt immer gleich. Und so sieht man den schattigen, leeren Raum, das milde Licht, das über die Marsch einfällt und die Aerosole hinter dem Giebelfenster entflammt. Der Staub, der nur Millimeter vor der Netzhaut schwimmt, der uns daran erinnert, dass die Dachzimmer hinter den Augen nichts weiter sind als stille Räume, in die kein anderer jemals einen Blick werfen wird.

In diesen Zimmern ist alles möglich, nur nicht das ausschließen der Perspektive. Und so sieht Kjartan sich selbst am Tisch sitzend. Die Augen aus dem Fenster gerichtet, den Blick nach innen gekehrt. Das leere Blatt Papier vor sich liegend. Die Gedanken wartend in Lauerstellung. Wartend auf den Moment, in dem sich die Tür öffnet. Und dann schreibt er.

Die Tür öffnet sich und lässt sie herein. Kinder, auch wenn sie sich nicht mehr so fühlten. Sie kamen aus dem Meer, liefen den Strand hoch, durch die Dünen und ins Haus. Sie schlichen die Treppen hoch und schlossen die Tür hinter sich. Der Junge ging zum Fenster und öffnete es, das Mädchen griff nach dem Saum ihres geblümten Sommerkleids um sich über die heiße Stirn zu wischen. Sie kam zu ihm ans Fenster und lehnte ihre Stirn gegen seine nackte Schulter.

Als sie wieder aufsah, waren sie älter. Das Fenster war noch immer geöffnet. Sie zeichnete mit dem Finger langsam einen Kreis auf sein Schulterblatt und sah einem Schweißtropfen nach, der entlang seiner Wirbelsäule nach unten rann. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare und trat neben ihn ans Fenster und spürte seine kühle Hand an ihrer Seite. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich körperlich nah waren, aber es war das erste Mal, dass sie miteinander geschlafen hatten.

 

[aus „TorsoTopografie (CORPVS II)“ – zurzeit in Arbeit]