„but sometimes it’s just roses dying too young“

[fiktiv.therapie]

Wenn der Sommer endet, bevor er begonnen hat– Über die Existenz von mehr als einer Realität bescheid zu wissen ist das unerträgliche Schicksal, wenn die Welt zwischen den zwei Polen verläuft. Letzte Nacht lief ich durch ein Feld aus Blüten und Sträuchern, über warmen, benzingetränkten Asphalt im Bodennebel verglühender Kippen. Fassade ist der Weg zum Erfolg geworden. Ich bin ein Schauspieler auf meiner eigenen kleinen Bühne. Das spielerische Wechseln zwischen den gestaffelten Oberflächen des Bühnenbilds– große Gesten, ein Theater für deine Gedanken.

Zufriedenheit ist ein Fixpunkt geworden, ein sorgsam gepflegtes Credo. Allein zu sein inmitten bekannter Gesichter, freundliche Gespenster und– Phantome treiben die Gedanken in die Weite und entwickeln Bilder auf dem Papier aus Blattwerk, sorgsam in die gekräuselten Oberflächen der Waldseen und Straßengräben gemalt. Hier stehe ich, zu groß geworden um die Rolle des Jungen zu spielen – die Rolle meines Lebens – und zu sehr im Netz des Drehbuchs gefangen, um hinter die Fassade abzutauchen.

Da war das Mädchen mit den strohblonden Haaren, weiße Punkte auf blauem Kleid, Strohreste in den zerschlissenen Stickereien, der Atem aus Seewind und die Haut mit Salz und Sand überzogen. Es ist immer wieder die gleiche Rolle. Immer und immer wieder– mein Vertrauter, mein Gegenspieler, meine Utopie. Die perfekte Inszenierung meiner hoffnungslos verbarrikadierten Logik. Ein Sinnbild. — Vielleicht will ich tief in meinem Herzen, dass du diese Rolle spielst…? Doch nur dann, wenn die Vertrautheit groß genug ist– so groß, dass du in das Feld aus Blüten und Sträuchern gehörst. Eine echte Pflanze, die in meiner Utopie nur zertreten würde.

„Gut, dass niemand etwas mit mir zu tun haben will!“, sagte der Junge auf dem Gipfel der Dramaturgie seines inneren Monologs, „denn sollte es doch jemanden geben, sie würde verzweifeln!“

 

>>> AutoExil. mein neuer Roman. bald als eBook erhältlich.

the killer in me is the killer in you

Es ist ein zeitversetztes aber paritätisches Ausklinken. Generationen halten nicht auf, was tief in dir schlummert. Die Umstände sind entscheidend. Brecht hat das behauptet. So, oder so ähnlich. Und die Umstände einer Generation setzen einen Dominoeffekt in Gang. Bei ihm war es der Einschnitt, der Krieg in der Kindheit, der den Lebensweg früh für immer brach. Und er beeinflusste seinen Sohn maßgeblich. Es mag zynisch klingen, aber was eine Bürde für diesen in der Kindheit gewesen sein musste, ermöglichte den aufrechten Gang im späteren Leben. Und ich kenne kaum einen Menschen, der aufrechter geht.

Und hier stehe ich. Kein Krieg als Entschuldigung. Nicht mehr in meiner Generation. Nur ein Vorbild, dem ich soweit es mir gelingen konnte, einigermaßen gerecht werde. Aber der Teufel schlummert und sein Schlaf ist nicht besonders tief. Ich habe es mit Nathanael versucht; ich habe es mit Klara versucht; und alles was ich nicht abschütteln konnte; der Sandmann selbst. Die Wissenschaft hat mich verdorben, der freie Markt geweckt. Ich bin mitten drin im Kampf. Und je weniger die Dämonen der Realität mich fordern, desto mehr muss ich mich beschäftigt halten, um nicht den Kampf gegen den Teufel in mir aufnehmen zu müssen.

Ich bin Teil seiner Welt geworden und bereue es nicht. Es ist eine gute Welt – sofern man von so etwas heute sprechen kann. Und dennoch bleiben mir die Momente in Erinnerung, in der er in meiner aufschlägt. Es ist, als würde ich die Tür zu einem Zimmer öffnen, das sonst niemand sieht, und das Chaos enthüllen, das wuchert und sprudelt und für diesen Moment nach dem kreativen Chaos aussieht, das gerne mit genialer Schöpfungskraft verwechselt wird. Aber Genie und Schöpfung erfordern Struktur und Vermittlung. Ich habe keine Kraft für Struktur und keine Lust zur Vermittlung. Das habe ich in der vernünftigen Welt schon. Das muss reichen.

Tür zu. Alles super. Und an das Cover der „disarm“-Single denken: SMILE!

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[ Blank Page ]

Ich kann die Beiträge kaum noch zählen, die mit dieser Überschrift als „Entwurf“, „unveröffentlicht“ oder „in Bearbeitung“ (je nach Blog-Plattform) unvollendet, verworfen oder vergessen in der Datenbank liegen. Und lagen. Ich habe – wenn ich richtig zähle – um die sieben oder acht Blogs geführt (nicht alle zeitgleich natürlich), und bei den meisten davon gab es mindestens einen „Blank Page“-Beitrag, der nicht das Licht der Öffentlichkeit gesehen hat (Hacker und Geheimdienste zählen nicht).

Warum ist das so? Was ist so schwierig an dieser Überschrift?

„Blank Page“ ist mein Codewort für etwas, über das ich oft schreibe, das aber fast immer unveröffentlicht bleibt. Dabei ist es wohl meine größte Triebfeder in allem, was ich tue. Musik, Schreiben, Arbeit, Moral, Strategie, Kontakt zu anderen Menschen. Dahinter steht eine Diagnose, die ich nicht teile. Die tiefer geht als die latente bipolare Vorbelastung, die der Herzschlag meiner Kreativität ist. Tiefer als die physischen Schranken meiner Jugend und die wenig außergewöhnliche exzessive Teenage-Angst-Phase, die in den 90ern aber auch ziemlich en vogue war.

Es ist gefährlich über diese Dinge zu schreiben, wenn man nicht anonym unterwegs ist. Dabei ist es ebenso sehr ein Spiel mit dem Feuer, eine Online-Präsenz zu analysieren. Ich bin nicht mein virtuelles Ich. Das ist eigentlich niemand. Glaub ich. Aber ich springe im Thema …

Der letzte Versuch mich der „blank page“ zu nähern, war ein langer Blogbeitrag, der so tief ins Detail ging, dass man es als therapeutisches Schreiben betrachten kann. Er existierte zu keiner Zeit in irgendeiner Online-Maske sondern nur im lokalen Texteditor. Ich hätte allein daran sehen müssen, dass eine Veröffentlichung nie infrage gekommen wäre. Habe ich aber nicht. Ich habe es verdrängt. Vielleicht weil mein Unterbewusstsein darauf hofft, dass es irgendwann an die Oberfläche kommt. Das Thema.

Das Problem ist nur: Die einzige Grundlage, warum ich ein eher durchschnittlicher, normaler Mensch bin, ist, dass ich genau diese Dinge nirgendwo öffentlich mache. Würde ich es offen schreiben, es wäre meine Ausrede für … ungefähr alles. Also halte ich es zurück und führe ein weitgehend vernünftiges Leben.

Es fällt so viel schwerer Pandoras Schatulle nicht zu öffnen, wenn man weiß, was drin steckt. Oder andersherum: Wenn man weiß, dass die Katze noch lebt, würde man die Kiste dann geschlossen lassen?

Eben.

„blank page was all the rage | never meant to say anything“ – billy corgan

 

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