Hotel

„Als ich mir früher vorgestellt habe, wie es wohl wäre, ein halbes Leben in Hotels zu verbringen, war es anders. Anders als jetzt.“ Das sagte er und riss einen großen Fetzen Tapete von der Wand.

– „Als ich damit begann, meine Haare rot zu färben, war der Farbton auch ein anderer“, antwortete sie und strich ihr auberginerotes Haar zurück. „Nicht so angepasst … rebellischer.“

„Ich habe mit 19 festgestellt, dass Punkbands nicht der wahre Lebensinhalt für mich sind.“

– „Wie das?“

„Ich habe begonnen, mich für Musik zu interessieren.“

– „Du stellst Musik über Politik?“

„Ich stelle alles über Politik. Wenn man sich ansieht, was Politik geworden ist, dann hilft nur die Flucht in die Kunst.“

– „Politik ist da, um verändert zu werden.“

„Das ist, was die Moralapostel sagen.“

Sie schwiegen und sahen sich an. Wie auf Kommando begannen sie, das lädierte Bettgestell auseinanderzunehmen. Sie griff nach einer Holzlatte und zerschlug damit krachend den Porzellanschirm der hässlichen Nachttischlampe.

„Wir spielen unsere Rollen gut. Fast so, als wäre es echt.“

– „Nichts ist echt. Alles ist Schauspiel. Du. Ich. Das ganze Leben.“

„Warum sagst du das? Es zerstört die Romantik des Augenblicks.“

– „Das tut es vielleicht, aber wer bist du, wenn du selbst in diesem Moment nicht du selbst bist? Bist du echt, wenn du im Anzug in Meetings sitzt? Bist du echt, wenn du soziale Fähigkeiten trainierst und der Welt vorgibst, du würdest fühlen, was sie bewegt?“

„Ja. Natürlich bin ich das.“

– „Und dennoch spielst du.“

„Aber das definiert mich. Was ich vorgebe zu sein, das wird zu mir. Online, offline, überall.“

– „Das legitimiert jede Lüge.“

„Das legitimiert unser Leben.“

– „Und es schließt Verantwortung ein. Damit kann ich leben.“

„Richtig. Richtig? Tut es das?“

– „Wenn wir alles sind, was wir vorgeben zu sein, dann sind wir Wohltäter und Verbrecher zugleich. Wir sind die Fleischverzichter, die Waffenablehner, die Geschlechtsbegleicher, die Dritteweltausbeuter …“

„Warum nicht beim Namen nennen?“

– „Vegetarier, Pazifisten, Feministen, Sklaventreiber?“

„Richtig.“

– „Das hört sich falsch an.“

„Dabei ist es zu 75% das Richtige, das ist mehr als bei den meisten Menschen.“

– „Und dennoch hebelt der Sklaventreiber die anderen drei Eigenschaften aus.“

„Und das ist der Grund, warum Politik mich mal kreuzweise kann! Wir sind eine Gesellschaft von Sklaventreibern. Jeder Kunde von Kik bis H&M, von Designerjeans bis Wasweißich. Jeder Kaffeetrinker – und komm mir nicht mit dem Fair-Trade-Märchen – Tabakkonsument, Autofahrer, Automitfahrer, Mit-Benzin-transportierte-Produkte-Käufer … Wir kommen nicht raus aus dem System. Wir könnten das ‚Sklaventreiber‘ streichen, denn das sind wir alle.“

– „Aber dann wären die 75% plötzlich 100%. Das ist schlecht.“

„Warum?“

– „Weil es genau das ist, was wir jetzt haben: Die eine Hälfte missioniert, weil sie sich bei 100% wähnt, die andere unterstellt Heuchelei, weil niemand bei 100% liegen kann.“

„Also besser 50% und die Fresse halten?“

– „Sollte man meinen.“

„Sag ich ja: Fuck all your politics! Ich bleib bei Kunst.“

– „So wie jetzt?“

„Dekonstruktion.“

– „Detonation.“

Das Hotelzimmer war tot.

 

ISDS//TTIP

Ich spiele mit dem Gedanken, die Bundesrepublik Deutschland auf Schadensersatz zu verklagen. Warum? Das ist schnell erklärt: Ich darf in Deutschland keine harten Drogen nehmen. Dürfte ich das aber, hätte ich die letzten 15 Jahre meines Lebens als kreativ-ungehemmter Künstler verbracht und Werke geschaffen, die vor allem eines eingebracht hätten: Geld! Das mag – zugegeben – etwas vereinfacht sein, aber im Prinzip will ich damit sagen, dass mich ein Gesetz an der hypothetisch erfolgreichen Durchführung eines Geschäftsmodells gehindert hat. Ich rechne also hoch, was ich in den Jahren an Millionen hätte machen können. Und das stell ich dem Staat in Rechnung.

Was sich in dem Szenario so absurd anhört ist aber nicht weit weg von der Logik mit der Unternehmen Staaten für ihre Rechtsgrundlage verklagen. Und dabei Summen einklagen, die ihnen an Umsatz verloren gegangen sind dadurch, dass sie sich an das Gesetz halten mussten. Diese rein hypothetischen Umsätze sind natürlich von den Unternehmen selbst errechnet. Klingt immer noch absurd? Nein? Sollte es aber, weil die Logik ebenso verquer und dreist ist, wie meine (absolut bescheuerte) Idee, mein nie zustande gekommenes Businessmodel „verdrogter Künstler“ einzuklagen. Dass ein großer Energiekonzern die Bundesrepublik verklagt, weil ihm Umsätze dadurch entgehen, dass sich die Deutschen mehrheitlich und demokratisch für die Einstellung der Atomenergie entschieden haben, ist dabei fast noch ein nachvollziehbarer Fall. Da sitzen so ein paar Manager am runden Tisch, sind sauer, dass man ihnen ihr subventioniertes(!) und risikobehaftetes Geschäft abgeschossen hat, und überlegen, wie sie daraus noch irgendwie Profit schlagen können (wenn schon die grandiose Idee, das teure Auslaufmodell in einer staatliche Stiftung abzuschieben eher mal so mittel angenommen wurde). Kackdreist, aber noch irgendwie nachvollziehbar.

Wenn jetzt aber im Zuge von Freihandelsabkommen wie TTIP oder TPP die Schranken weiter fallen, dann können Unternehmen Länder aufgrund ihrer (auf demokratischer Grundlage existierenden) Rechtslage verklagen, weil sie dort hätten Geld machen können, würde es diese Gesetze nicht geben – sofern sie nicht als Standard des Abkommens gerechtfertigt sind. Das bedeutet: Sind irgendwelche Öko-Spinner wie wir Europäer mehrheitlich gegen Giftstoffe in Fleisch oder die Kanadier gegen Fracking, dieser Standard gilt aber nicht für die gesamte Freihandelszone, können Unternehmen klagen. Die Grundlage dafür nennt sich ISDS, und das Beispiel Kanada und Fracking ist bereits passiert. Wesentlich besser und fundierter kann man das z.B. hier nachlesen.

Kommt TTIP inkl. ISDS könnte andererseits ein ganz anderes Geschäftsmodell funktionieren: Geschäftsfelder finden, die in bestimmten Ländern nicht funktionieren und einklagen. Abmahnanwälte 2.0 … z.B. wartet die Welt doch unbedingt darauf, wieder FCKW-Kühlschränke zu kaufen, oder?

Was ich so unfassbar abstoßend an der ganzen Sache finde, ist die völlige Ignoranz gegenüber dem Willen der jeweiligen Bevölkerung. Nehmen wir mal Kanada und Fracking. Völlig unabhängig, ob man das Einpumpen von Giftstoffen in die Erdschichten jetzt für voll okay oder doch eher bedenklich hält, ist es die souveräne Entscheidung eines Staats gewesen, eine solche Methode abzulehnen. Ein Unternehmen kann jetzt aber Schaden“ersatz“ (Ersatz für etwas, das nie existierte … ich bin mir nicht sicher, ob das Begriff hier dann überhaupt anwendbar ist/sein sollte) einklagen, weil es den Willen des Staats und damit der in diesem Staat lebenden Menschen nicht so dufte findet. Natürlich können die Kanadier weiter bei ihrer Meinung bleiben, aber sie müssen für ihre Souveränität halt zahlen. Wahrscheinlich ist das den Unternehmen sogar ganz Recht, sonst müssten sie nachher echte Umsätze erwirtschaften. Ich bin ja kein Freund von polemischer Verschwörungstheoretiker-Rhetorik, aber man kann das durchaus als staatlich subventionierte Serienerpressung betrachten. Allein die Tatsache, dass es die Möglichkeit solcher Klagen gibt, zeigt ein verstörendes Selbstverständnis: da sind Konzerne, denen scheißegal ist, was die Menschen wollen. Die Erde wird als ihr Eigentum betrachtet, das sie so lange ausbeuten können, wie sie es für richtig halten. Und wenn die Menschen was dagegen haben? Na dann müssen sie halt dafür zahlen!

Wenn man Euroskeptikern, Kulturpessimisten, Verschwörungstheoretikern und Antiamerikanisten ernsthaft den Wind aus den Segeln nehmen will, dann sollte man alles dafür tun, dieses Abkommen zu stoppen. Und ich denke da noch nichtmal zu sehr darüber nach, dass ein großer US-Entertainmentkonzern mit seinem europäischen Ableger (also mit sich selbst) darüber streitet diskutiert „verhandelt“, welche Restriktionen man dem Netz bzw. dem internationalen Datenverkehr auferlegen sollte, um unter massiver Einschränkung des Datenschutzes und der Grundrechte der Bürger ihr „intellectual property“ zu schützen.

Aber bevor ich politisch werde … Gute Nacht.

 

.x…sjálfur