“On the Nature of Daylight” – Svalbard revisited

Vor einigen Wochen hat mir Ai Hua Max Richters “On the Nature of Daylight” empfohlen. Das Lied hat mich beim ersten Hören schon an den Arktis-Kurztrip nach Svalbard erinnert. Passend zur Blog-Gestaltung also.

Das mit dem Tageslicht ist so eine Sache. Mich hat es im Nachhinein gewundert, wie selbstverständlich es war, dass es rund um die Uhr hell war. Und wie krass es bei der Rückkehr war, dass es plötzlich dunkel wurde. Und ich war nur sechs Tage da, kann also nichts damit zu tun haben, dass ich mich daran gewöhnt hätte.

Man kann darauf eine relativ einfache Philosophie aufbauen. Und so lange man nicht zu lange darüber nachdenkt, wird man damit auch relativ glücklich. Tageslicht und Dunkelheit sind zwei Dinge, die per Definition nicht so richtig gut koexistieren können, zumindest nicht ohne räumliche und/oder zeitliche Trennung. Mein Element ist eher da Licht. Nicht unbedingt das Bei-brütender-Hitze-in-der-Sonne-liegen-Licht, sondern eher das Diffuslicht, das ohne eindeutige Richtung oder Ursprung alles gleichmäßig durchdringt. Es gibt kein gerechteres Licht. Wenn sich das Licht über den ganzen Tag ausdehnt, schwindet der Zeitdruck. Warum? Weil es keine Grenze mehr gibt. Es ist immer hell, also setzt man sich das Ende des Tages selbst. Dann, wann es passt.

Kleiner Einwurf: Ich war dort die sechs Tage mit meinem Bruder. Wir haben unsere Schwester  besucht, die dort für ein Jahr studiert hat. Die musste Arbeiten schreiben und abgeben, vermutlich teilt sie die Ansicht des “Ende des Tages selber setzen” und “kein Zeitdruck” nicht ganz, aber ich sagte ja schon: so lange man nicht zu lange darüber nachdenkt…

Svalbard - Mitternachtssonne von altem Minengebäude, Longyearbyen

Auf dem Rückweg mussten wir in Oslo den Flieger wechseln. Es war bereits verhältnismäßig warm und die Sonne stand bereits so tief, dass sie in Longyearbyen hinter den umgebenden Bergen verschwunden wäre. Am Abend zuvor hatten wir uns die Mitternachtssonne angesehen. Als wir gegen späten Abend dann aus der Wolkendecke über Hamburg abtauchten, war es ein Lichtermeer in komplettem Schwarz. Einen Tag später Berlin. Dunkel, stickig-warm, hohe Luftfeuchtigkeit. (Trifft auf Berlin ja eigentlich zu jeder Tages- und Jahreszeit zu…) Zwei Tage zuvor – einige Stunden vor der Mitternachtssonne – lagen wir bei Minusgraden auf dem verschneiten Vordach der letzten Studentenbaracke vor dem Ende des Tals mit einer eisgekühlten Cola.

Am Ende denkt man doch zu viel nach und alles ist wieder relativ. Tageslicht, Sonne, Dämmerung, Lichter der Stadt. Das schöne ist nur: Es verliert sich nicht im Grau, wenn man versucht, Extreme gut zu finden. Man pendelt hin und her, kommt aber nie zum Stillstand. Kinetische Energie. Immer gut. Hier könnte ich jetzt einen Bogen zu unserem Bandnamen ziehen, das wäre aber etwas zu plump.

“Day One / There Was Light”

Zum Anachronismus werden. Es gibt keinen besseren Weg, sich Eigenheit zu bewahren, als der Zeit zu widersprechen. So lange, bis die Retrowelle die Küsten überrollt und Landstriche verwüstet. Dem Zeitgeist zu entkommen ist so unfassbar zeitgeistig, dass ich jetzt schon keine Lust mehr habe, weiter darüber nachzudenken.

Warum überhaupt so ein Gedanke? Na warum wohl … Das hier ist ein Blog. So wie “früher”. Anno 2004. Als noch keine 90 % täglichen Textbedarfs über Twitter/Facebook gedeckt wurden. “Damals” musste man sich noch über Umfragepostings auslassen, gab kein Farmville zum drüber aufregen. Ja… schön, man könnte direkt reaktionär werden. Nur so zum Spaß.

Aber egal. Kein 2004 mehr, unsere Gehirne gehören längst Mark Zuckerberg … oder den Leuten, die uns das einreden wollen. Ich mach dann mal hier so eine Blog-Sache, ohne näheren Bezug zu irgendwas, ohne Plan und natürlich auch ohne jeden Gedanken, der sich mit dem Netz, dem gesellschaftlichen Wandel, Facebook, Perlmutt oder Feuersalamandern beschäftigt. Das sind alles Themen, die mich nicht interessieren. Und wenn doch, dann mache ich dafür eine eigene Kategorie und nenne sie “Gossamer”. Damit man gleich weiß, wie die Dinge gesehen werden. Überzeichnet, romantisch verklärt, verwahrlost und vernebelt.

Ich hoffe nur, es endet nicht wieder im Nichts, wie meine letzten Versuche, ein Blog wiederzubeleben.