Vor fast sechs Jahren startete ich mein erstes Blog. Es drehte sich anfangs alles nur um meine Musik, selten auch um andere Musik. Erst nach und nach setzten sich andere Themen durch, die im Laufe der Zeit einen immer größeren Teil einnahmen, mein Leben in einer Zeit abbildeten, in der ich auf der Suche nach Richtung und Sinn war.
Irgendwann glaubte ich wohl, diesen gefunden zu haben, zumindest insoweit, dass ich mich deutlich weniger mit dem Übers-Leben-Nachdenken beschäftigte. So verwaiste auch mein Blog (inzwischen nach diversen Umzügen auf meinem eigenen Space unter meiner eigenen Domain gelandet), und als arbeitsbedingt die Zeit für die Musik knapp wurde, schlief das Blog ein. Es gab noch einen Versuch, die ganze Sache wiederzubeleben, indem ich Mitschreiber ins Boot holte und auf den Gemeinschaftsgedanken setzte, doch auch das verlängerte nur das langsame Sterben.
Ich habe vor ein paar Tagen die Datenbank lokal gesichert und dann das Blog plattgemacht. Es war die richtige Entscheidung. Ich will neu anfangen. Das ist ein psychologisches Ding. Hätte ich nun wieder aktiver weitergeschrieben – Anlässe dafür gibt es mittlerweile wieder genug – wäre es, als würde man eine Geschichte fortsetzen, die man Jahre zuvor begonnen und unfertig gelassen hat. Als würde man einen Bruch versuchen zu überspielen. Man imitiert und imitiert, aber der Bruch bleibt. Es ist nicht mehr authentisch.
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Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr zu schreiben, als wäre ich noch Anfang 20. Das wird nicht funktionieren.
Also fange ich von Neuem an. Vom weißen Papier. Leider nicht mehr so unvoreingenommen wie vor sechs Jahren. Und ich beginne wieder bei der Musik. Meine Musik hat Stadien durchlaufen in den letzten zehn Jahren, die mein Leben noch wesentlich sprechender wiedergeben, als es ein Blog je könnte, und ich bin an einem Punkt, an dem ich glaube, den ganzen Prozess, der sich hauptsächlich in meinem Kopf, meinen Kompositionsprogrammen, WaveLab, Cubase, ProTools und dem Windows Audiorecorder für die flüchtigen Momentaufnahmen abspielte, noch einmal aufzurollen. Aber jetzt richtig. Sichtbar.
Ich hätte vor einigen Jahren nie Musik hochgeladen, die nicht zumindest die grundlegende Idee so rüberbringt, dass ich glaubte, jeder könnte sie sehen. Das ist mir jetzt egal. Ich habe festgestellt, dass eine Idee nur so gut ist wie die Zeit, die ein Hörer mit ihr verbringt. Ich werfe seit einiger Zeit immer mal wieder rohe Demos ins Netz. Ungehört meistens. Meistens zurecht ungehört.
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Meine Musik ist von den ersten Songwritingversuchen Anfang/Mitte der 90er immer komplexer geworden, das gipfelte in der Komplettierung der “ANAMNESIA Pt. 1″-Demos Ende 2006 und dem Songwriting zu Aerosol, in das ich mich Hals über Kopf stürzte, anstatt “ANAMNESIA Pt. 2″ fertig zu stellen, obwohl es dort nur noch zwei Drumtakes und Gesang bräuchte. Das Aerosol-Songwriting war dann so komplex, dass es seinen besten Zustand in der MIDI-Komposition erreichte. Den Sprung in richtige Demos haben nur die wenigsten Lieder geschafft. “Oh Valve!” war davon wohl noch am komplexesten. “The Kremlin King” war eher ein ambitionierter Anfang. Und dann waren da noch die Akustik-Tracks “Care+Careen” und “Land-end’s got a nosebleed”. Die rückten irgendwann so in den Fokus, dass ich mich entschloss, ein Pop-Album zu machen. Solo. Ohne .kinetic…, auch wenn das zu de rZeit keinen wirklichen Unterschied mehr machte.
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Ich hatte zur ANAMNESIA-Zeit bereits ein Solo-Projekt gestartet (da machte es noch eher einen Unterschied), das die Saiteninstrumente in die zweite Reihe verbannte und Dank Samplings und Synthies mit Ambient und Soundtrack spielte. Auch da beschränkte ich die Vielschichtigkeit im Soundgewand im Gegensatz zu .kinetic… schon deutlich. Mit “After Hours Our Heartbeats Blend” wollte ich es dann ganz simpel halten. Hauptsächlich Akustikgitarre und Gesang.
Und an dem Punkt habe ich festgestellt, dass es doch nicht so einfach geht. Selbst ein Lied, das nur ein Instrument und eine Stimme hat, braucht mehr als das. Kein Lied ohne Geschichte, kein Text ohne konstruierten Klang. Man kann sowas machen, andere machen das perfekt. Ich nicht. Ich kann das nicht, ich will es auch gar nicht.
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Also werde ich hier wieder über Musik schreiben, Musik machen, Musik zeigen, und damit mein Leben abbilden. Authentisch in gewisser Weise, wesentlich mehr als in den letzten zwei, drei Jahren zumindest.
Warum schreibe ich das? Will ich mir Leser vom Hals halten, indem ich gleich so übertrieben lang und selbstverliebt starte? Nicht wirklich, aber ich will gleich keine falschen Illusionen aufkommen lassen. Dieses Blog wird so dermaßen egozentrisch werden, dass ich eine Warnung für fair halte.
sjÁlfur
PS: Außerdem werde ich das ganze optisch noch anpassen, mir fehlt dazu aber jetzt im Moment die Inspiration und die Zeit.
