Philosophie

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Es gibt Beiträge, über die ich länger nachdenken muss, bevor ich sie schreibe. Nicht wegen der intellektuellen Vorleistung, die ich aufbringen mpsste, sondern vielmehr wegen Zeitpunkt und Ort. Ich habe seit langem vor, etwas über das Aerosol-Konzept zu schreiben. Zur ersten .kinetic…-Demo von “ANAMNESIA” habe ich Textinterpretationen bzw. Begleittexte geschrieben. Damals. Zu Aerosol sollte relativ schnell ähnliches folgen, doch dazu gekommen bin ich nicht, auch weil das Projekt zu sehr im Fluss war. Jetzt, wo es schon fast zu spät ist, um damit noch anzufangen, wird es inhaltlich plötzlich aktuell.

Das Konzept zu AEROSOL ist entstanden, als der zwanzigste Jahrestag der Chornobyl-Katastrophe näher rückte. Ich hatte mich schon in den Jahren davor stark mit dem Thema beschäftigt. Einerseits durch Tarkovskjs Film “Stalker” und Geyrhalters Dokumentation “Pripjat”, andererseits durch eine Frage, die ich mir immer wieder selbst gestellt habe, angesichts der Bilder verfallener Städte, die der Mensch wieder an die Natur abtreten musste. Wann immer Flüsse über die Ufer treten, von Menschenhand erschaffene Katastrophen Verwüstungen anrichten, existiert neben der – gemeinschaftlich geteilten – Betroffenheit und Mitleidensillusion mit den betroffenen Menschen eine Armee an Phantomen in meinem Kopf, die nach Zerstörung und dem Sieg der Naturgewalten schreien. Es ist keine bewusste Entscheidung und sie steht in keiner Konkurrenz zum Ideal des menschlichen Mitgefühls, es ist eine Koexistenz von zivilisatorisch-moralischem Sozialsinn und spirituell verwurzeltem Ur-Instinkt – wir sind Kinder der Erde, nichts mehr und nicht weniger.

Es ist einfach festzustellen: Angesichts der Lage, in der sich Japan jetzt befindet, ist es vielleicht ein denkbar pietätloser Zeitpunkt, sich über dieses Thema Gedanken zu machen – aber da Pietät etwas ist, das ich nur durch rein empirische Beobachtung und theoretisch Konstrukt erlent habe, aber nie gesellschaftlich adäquat empfinden kann, ist bei mir ohnehin alles zu spät. Also versuche ich, meine Gedanken soweit offen zu legen, dass man sie lesen und offen interpretieren kann. Deute in meine Gedanken was du willst, es ist nur ein Spiegelbild dessen, was du selbst denkst. Uns verbindet ohnehin dieselbe Energie. Sprirituell gesehen – vollkommen egal, wie wir sie nennen.

AEROSOL – um zum Ursprung zurückzukehren – dreht sich lose um Radioaktivität. Dabei ging es mir nie um ein politisches Statement (auch wenn ich persönlich dazu ganz eindeutig Stellung beziehe) sondern darum, jedes Lied zu einer eigenen Anekdote zu machen. “The Kremlin King” (übrigens eine Textzeile aus Billy Corgans Text zu “The End Is The Beginning Is The End”) zielt auf die Instrumentalisierung der Medien im Polonium-Mord an Alexander Litwinenko ab, “Walking Ghost” bedient sich des gleichnamigen Syndroms im Verlauf der Strahlenkrankheit als Metapher für einen alltäglichen psychischen Zustand zwischen einer depressiven und einer manischen Phase, “Pripjat” stellt die Frage nach der Heimatlosigkeit der ehemaligen Einwohner der heutigen Sperrzone um das Kraftwerk Chornobyl … und so geht es weiter. “Aerosol” als Titel übrigens angelehnt an den Aerosol-Flug, der die Strahlung als radioaktive Wolke über Europa verteilt hat – hier zeigt sich (zumindest hoffe ich das) genau diese Diskrepanz zwischen Tragödie und “Die Natur wird siegen”-Romantik.

Im Gegensatz zum ANAMNESIA-Konzept, in dem der Protagonist am Ende die “Lösung” in einer Utopie findet, endet das AEROSOL-Konzept eher in einer Dystopie, die im Gegensatz zur ANAMNESIA-Utopie aber deutlich ertragbarer ist. Damit dreht sich auch das AEROSOL-Konzept am Ende doch wieder nur um die Subjektivität der Wahrnehmung.

Soviel zum Philosophiemodus.

.x…sjálfur

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[Blog-Post, undatiert]

I wake up a ghost on a dry river bank
Thrown off a bridge in a bag full of stone
This night and I are all but one
Oh, City, I’m sorry no one’s ever kind

In der Zeit, als ich mit meiner Familie in Südhessen gewohnt habe, war meine Wahrnehmung stark verzerrt. Wir wohnten in einem Neubaugebiet am Rande eines Dorfes, das uns nur zum Teil mochte. Meinen vater mochte das Dorf irgendwie schon, glaube ich, er war meistens nicht zu hause, verdiente gut, beruflich aufstrebend, oft auf Geschäftsreise in Amerika, meistens im Mai wenn mein Bruder Geburtstag hatte, ich war immer begeistert von den Geburtstagskarten die er ihm aus den Staaten schickte, vor allem weil sie so unglaublich hässlich waren. Bunt und groß und… penetrant aufdringlich.

Zwischen uns und dem alten Kern des Dorfes lag ein Feld, von dem es schon bei unserem Einzug hieß, es käme eine Straße und Häuser drauf. Die Straße haben wir in dem Jahr vor unserem Auszug sogar noch mitbekommen…
Das Feld gehörte uns, den Nachbarschaftskindern aus dem Neubaugebiet, von denen ich ungefähr die Hälfte nicht mochte. Trotzdem war das unser Feld. Ich war der älteste, in jedem guten Kinderbuch ist das immer die Rolle des Lindgren’schen Lausejungen, nicht dumm aber faul und schlecht in der Schule, mit permanent zu großer Klappe.
Ich hätte der Lasse Südhessens sein sollen. Gut, rein optisch wäre das vertretbar gewesen, auch war ich nicht dumm (behaupte ich mal), und faul… naja, das habe ich in dem Alter noch kaschiert und mir für später aufgehoben… Aber ich war gut in der Schule, und was die zu große Klappe anging…

Jedenfalls gehörte uns das Feld. Und dann gab es noch den Wald hinter der Straße und die Burgruine nahe des Wasserfalls, der für die Verhältnisse des kleinen Dorfes, das sich selbst oft so lächerlich wichtig nahm, schon ganz ansehnlich war.

Es war ein früher Morgen vor gar nicht so vielen Jahren, wir hatten Südhessen lange hinter uns gelassen, ich hatte das schulische Arbeiten völlig aufgegeben und war von dem nicht perfekten Lasse-Abbild zum nicht perfekten Ole-Abbild geworden. So’n bisschen. Nein, eigentlich auch nicht… egal.

Wir hatten auf ‘ner Party zuviel geraucht und zu wenig getrunken und saßen zu dritt im Südpark, einer Parkanlage, die für die Kleinstadt, die sich selbst jeden August so lächerlich wichtig nahm, schon beträchtliche Größe hat. Irgendwann bin ich aufgestanden und ein Stück gegangen. Ich wollte den Kopf frei haben für was auch immer, ich weiß es nicht mehr so genau.

Ich ging jedenfalls ein Stück weit zum Waldrand. Ich war barfuß und meine Hosenbeine schleiften unter meinen Fersen im taufeuchten Gras. Von dort wo ich gekommen war sah man einen blassen schein, es war schon so spät, dass es wieder früh war. Ich habe diesen Moment geliebt wenn ich unterwegs war und ihn später verflucht wenn ich zum Vogelzwitschern ins Bett ging und wusste, dass der nächste Tag viel zu kurz sein würde.

The sun rises
The sun rises
Just minutes from daylight
The sun rises
The sun rises

Ich weiß noch, dass ich ohne es zu merken weiterging, dass das Geäst meine Wange zerkratzte, dass mir der aufgerissene Halsausschnitt meines dünnen Strickpullovers über eine Schulter rutschte und die feuchten Blätter an meiner Schulter klebten.
Dort in dem wald war die Burgruine. Natürlich nicht die wirkliche, niemand kann so dicht sein, dass er südhessische Ruinen in der Lüneburger Heide sieht, zudem war ich nüchtern in dem Moment. Viel zu nüchtern. Dieser Ort war die Burgruine, der Wasserfall und die Wiese hinterm Haus.

Dieser Ort war hier, und er war dort, wo ich mehrmals die Woche mit unserem Hund vorbeiging, dort wo ich auf dem Rückweg von der Schule mit dem Fahrrad blindlings vorbeigerauscht war…

Und nun kommt die einfache, triviale aber alles andere als unwichtige Erkenntnis: Dieser Ort war wie jeder Ort. Überall. Und er war meiner. Und mein Zuhause. Ich hasse Städte an denen ich bin, nur für Orte an denen ich lieber sein würde. So wie diese Stadt. Ich will zurück zu meiner Ruine, meiner Wiese, meinem Baum auf dem Feld und zurück zu dieser Stadt. Irgendwann wenn ich dazu bereit bin.

City, I’m sorry
for all the nights,
for all the bars,
for all the fights
The minutes have turned to hours
It’s a new day now
Well, City, I’m sorry, it’s time to move on

.x…sjálfur

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AutoExil

Ich bin noch nicht ganz fertig, aber fast! Und das ist damit schon fast eine Premiere, denn bisher habe ich noch jeden Text, der über das Format “Kurzgeschichte” hinausging, vorzeitig abgebrochen. Dieses mal wird das was! Auch wenn mir das Ende noch echte Kopfschmerzen bereitet, hauptsächlich aber deshalb, weil ich mehrere Variante im Kopf habe, was bedeutet, dass ich bis zum Ende gedacht habe – ebenfalls eine Premiere.

Cover von AutoExil

sjÁlfur

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