Hilfe ich bin ein Autor und kein Marketer. 1. Teil

April 28 2015, 4 Comments

Das Cover

Es weiß jeder, aber mancher gibt es sich bis zur äußeren Konsequenz ungern zu, die äußere Buchgestaltung, der Klappentext, die Autorenbiographie, das sind alles Formen des Marketings für sein Produkt. Das Produkt ist dabei vordergründig das Buch, aber auch der Autor selbst ist das Produkt. Das ist nicht erst mit den neuen und sozialen Medien so, das war eigentlich schon immer so. Und wenn man davon etwas abrückt, dass Marketing und Werbung immer einher geht mit Lügen und Betrügen, dann haben alle damit auch weniger Probleme.

Sollte ein Autor sich nicht schon vorher Gedanken darum gemacht haben, dann wird er spätestens bei der Frage zur Covergestaltung und den Begleittexten damit konfrontiert, dass sein Buch nicht nur ihm gefallen muss sondern für eine bestimmte Zielgruppe sein muss. Ein guter Text hat bewusst oder unbewusst eine bestimmte Zielgruppe und die gilt es auch anzusprechen, wenn man das Werk bewirbt. Das ist der Punkt, an dem man von sich selbst etwas abrücken muss. Nicht nur, weil der Autor nicht immer Teil der Zielgruppe sein muss, sondern auch, weil der Autor mit Vorwissen an Sachen heran geht, die ein Mensch, der dieses Wissen nicht hat, nicht innerhalb von Sekunden abrufen kann.

Um das jetzt näher auszuführen, werde ich mir in diesem Beitrag vorrangig ein paar Gedanken zur Covergestaltung machen.

Ein Beispiel dazu: Ich hatte einen Kunden für ein Buchcover, bei dem er sich wünschte, dass in dem Cover gut sichtbar Verweise zur Geschichte eingebaut werden sollten. Damit diese aber sofort aufgefallen wären, hätte ich den Daten wie Titel, Untertitel und Autornamen in den Hintergrund stellen müssen. Ich riet ihm davon ab. Mein Job ist es dem Autoren zu erklären, dass dem Leser es bei dem Griff nach dem Buch egal ist, ob die Protagonistin im Buch eigentlich mehr ausgeprägte Wangenknochen hat als das Model auf dem Cover, einzig entscheidend ist der kurze Augenblick wenn ein Blick auf ein Cover fällt und es sich entscheidet ob alle ihren Job richtig gemacht haben und die Zielgruppe richtig angesprochen wird. Kleine Verweise kann man einbauen, sie haben aber eine andere Zielsetzung, als die Hauptarbeit, die ein Cover zu leisten hat. Das Cover ist der erste Eindruck. Damit muss es überzeugen, alles Weitere ist ein Plus.

Covergestaltung von der deutschen Ausgabe: Schattenriss eines Paares vor einer Londonkulisse

Cover von Danny Wallace „Auf den ersten Blick“, Heyne

Versteht mich nicht falsch, ich meine auch, dass Cover und Begleittexte dem entsprechen müssen was das Werk hergibt. Ich lese immer wieder Bücher, die falsch verkauft werden und darum auch von den Lesern, die falsch angesprochen und beim Lesen enttäuscht wurden mit Negativrezensionen abgestraft wurden. Ein Beispiel dafür ist z.B. das Buch „Auf den ersten Blick“ von Dany Wallace. Es wird als Liebesgeschichte verkauft. Das spricht eine größere Zielgruppe an als die Leser, die ein „Coming of Age“-Buch ansprechend finden. Aber viele der Leser werden nach dem Kauf nicht wieder nach einem Titel von Wallace greifen. Ein recht kurzsichtiges Marketing also.

Auf der deutschen Ausgabe wurden das Cover, der Titel und der Klappentext auf Liebesgeschichte geeicht. Des Weiteren wurde das Buch natürlich durch Kategorien und Schlagworte weiter in dieses Genre gepresst. Wenn man sich die Originalausgabe anguckt, sieht das ganz anders aus. Auf einmal hat man ein Buch, welches vom Cover eher eine Roadstory verspricht. Der Titel schreit nicht „Happy End mit Hochzeit und Haus mit weißem Zaun“. Ja, auch hier wird von „Liebe“ gesprochen, aber auf eine ganz andere Weise. Es ist ein Buch eines anderen Genres.

Cover von Danny Wallace „Charlotte Street“, Ebury Press

Man braucht sich nur diese zwei Cover anzugucken und es dürfte einem schnell klar werden, dass dieses Cover zwei verschiedene Zielgruppen anspricht. Sicher, da kann es eine Schnittmenge geben, aber wenn man sich die Rezensionen zu dem Buch in er deutschen Ausgabe ansieht, dann lehnt man sich nicht all zu weit aus dem Fenster, dass es viele Leser aus dem Liebesgeschichtenlager gibt, die sich reingelegt fühlen ohne zu wissen warum. Das Buch selbst wird in der deutschen Version weitaus häufiger als schlecht beschrieben, als in der englischen Version. Wenn man mal von möglichen kulturellen Unterschieden und einer möglichen schlechten Übersetzung absieht (was hier nicht der Fall ist), dann spricht das dafür, dass die Leser das Buch enttäuschend finden, weil es nicht dem Versprechen entsprach, welches Cover, Titel und Beschreibung ihnen gab.
Das selbe Buch, zwei unterschiedliche Ergebnisse.

Im Marketing geht es also darum die Zielgruppe anzusprechen und zu überzeugen. Und bei einem Cover heißt das, dass man eine Sprache spricht, die der Leser versteht und sich angesprochen fühlt. Ihr wollt kein Cover mit einem Menschen drauf, weil das doch jeder hat und womöglich die Fantasie des Lesers beschränkt? Tja, das ist euer gutes Recht. Allerdings hat es seine Gründe, warum es so viele Cover davon gibt. Sie haben sich bewiesen! Genauso verhält es sich mit Genremerkmalen. Sicherlich, man kann sich auch mal von der üblichen Coversprache wegbewegen, aber man sollte immer noch so viel Althergebrachtes nutzen, damit die Zielgruppe es „erkennt“.
Keiner hat was davon, wenn das Cover wunderschön ist, viele kleine Rätsel eingebaut wurden und extrem einzigartig ist, aber keine Leser findet, weder Autor noch Leser, der vielleicht nach dieser Art von Buch gesucht hat, es aber nicht finden kann.

'4 Responses to “Hilfe ich bin ein Autor und kein Marketer. 1. Teil”'
  1. wolfgang sagt:

    Okay ich versteh die Argumente. Finde ich überzeugend und nachvollziehbar. Nur das englische Cover stellt mich vor Rätsel 🙂 Die Ikonografie sagt mir gar nichts. Es erfasst mich leise Panik. Was ist wenn ich die Ikonografie der deutschen Cover ebenfalls nicht mehr richtig deute?

    • aihua sagt:

      Leise Panik ist gar nicht so schlecht, die fühlen in dem Buch auch einige Figuren…
      Aber an sich suggeriert das Auto doch sofort Roadstory à la Roadmovie. Die Figuren gehen auf eine Reise. Und das wird sogar mit den Auspuff/Sprechblasen erzählt. Es ist eben keine typische Liebesgeschichte, sondern eine Alltagsgeschichte, in der ein Junge ein Mädchen stalkt… Und ja, das ist humoristisch gemeint. Der Titel ist bezeichnet, weil dort die Geschichte beginnt und immer wieder zurückführt. Ich nehme das mal zur Ikonographie dazu, da ein Straßenname gleich eine geografische Koordinate ist und somit wieder auf den Roadtrip verweist. Und Roadtrips werden gerne als Bild genutzt, eine Reise als Reise zu sich selbst, zu einem anderen selbst…
      Und ansonsten ist eine Kamera wohl wichtig und eine Frau (wahrscheinlich das girl was gestalkt wird) fährt mit einem Taxi weg. 🙂
      Und dann gibt es noch etwas, was bedacht werden muss, Cover aus anderen Ländern haben auch eine andere Ikonographie. Fonts sind vor allem in den USA, aber auch in England viel wichtiger als es bei uns der Fall ist. Was für uns unaufgeräumt aussehen kann, ist für eine andere Buchlandschaft komplett normal.
      Gerade diese Art von Cover kommt sehr häufig vor. Jonathan Safran Foer, John Green, Mark Haddon und Stephen Chbosky den mit ähnlichen Covern versehen. Sie sind an sich auch schon ein Genremerkmal.
      Habe ich etwas erleuchten können?

  2. Meersalz sagt:

    Ich oute mich mal als Nichtfan von Covern, auf denen das Gesicht der Romanfigur abgebildet ist.
    Auf der anderen Seite habe ich jetzt mal darüber nachgedacht, warum solche Cover effektiv sind, warum sie sich bewiesen haben: Sie zeigen einen Charakter des Romans ( in den meisten Fällen), was dem Leser eine Vorstellung von Zeitraum, Beruf, Alter und natürlich Aussehen gibt.
    Aber Gesichter können noch mehr, sie spiegeln Emotionen. Und da wir Menschen nunmal auf Emotionen und Körpersprache reagieren, fühlen wir uns zu Gesichtern mehr hingezogen als eine Kette mit Anhänger, die auf dem Cover glitzert.
    Dabei denke ich nicht, dass Cover ohne Gesichter/mit abgebildeten Charakteren, sich schlechter verkaufen müssen als solche, bei denen diese zu sehen sind. Ich denke eher, dass es von der Stimmung abhängt, die dieses Cover im Leser hervorrufen und somit dazu bewegen soll, das Buch zu kaufen.

    Ich merke gerade, was für ein interessantes Thema Covergestaltung ist 🙂

    • aihua sagt:

      Auf jeden Fall. In der Kunstgeschichte gibt es einen Ausdruck für Figuren in der Landschaftsmalerei: Staffagefiguren. Sie sind nicht Schwerpunkt des Bilder, aber sie helfen ein Gefühl zu vermitteln. Angst oder die Größe der Natur bei einem gewaltigen Wasserfall, Berg, Gewitter etc. Oder heitere Ruhe bei Sonnenschein auf eienr Wiese (Schäfer unter dem Baum). Dabei sind wir natürlich geübter Emotionen Menschen und Tieren zu entnehmen, als beispielsweise einer Landschaft. Also schon nur fernab vom Cover ist das Thema interessant… finde ich zumindest. 😉

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